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Spätes Bedauern über versäumte Gespräche

30.01.2018

Oldenburg Das Bedauern ist oft groß. Spät, häufig zu spät, stellen Menschen fest, dass ganz entscheidende Angelegenheiten in der Familie nie besprochen wurden, dass Wünsche über Leben und Tod nie zur Sprache kamen. Und wichtige Formalitäten unerledigt blieben. So ging es auch Michael Dernoscheck, Leiter der Marketingkommunikation des Pius-Hospitals in Oldenburg. Im vergangenen August starb sein Stiefvater, zu dem er ein sehr enges Verhältnis hatte, und die Familie stand vor vielen Fragen und Problemen. „Ich hätte mir so sehr gewünscht, über alles in Ruhe zu sprechen“, sagt der 51 Jahre alte Dernoscheck. Aber dafür blieb nach der Krebsdiagnose des Stiefvaters keine Zeit.

Dabei waren die Voraussetzungen eigentlich gut. Vor etwa zwei Jahren besorgte sich der Mitarbeiter des Pius-Hospitals die im Hause empfohlene Notfallmappe für Patienten und nahm sie mit zu seinen Eltern nach Neustadt am Rübenberge. „Ich kann euch im Notfall nur helfen, wenn diese Formalitäten geregelt sind“, sagte er. Lange passierte nichts, dann wanderte die Notfallmappe vom Wohnzimmer in den Keller. Während eines Urlaubs rief dann Dernoschecks Tochter an und sagte: „Opa geht’s nicht gut.“ Schnell war klar, dass es sich um einen unheilbaren Lungenkrebs handelt. Die Ärzte sagten, er habe noch vier, sechs, vielleicht acht Wochen zu leben.

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Michael Dernoscheck musste seinen Eltern nicht nur diese schreckliche Nachricht überbringen, er war zugleich in der Situation, rechtlich nichts für sie regeln zu dürfen. Er holte die Mappe mit den so wichtigen Formularen aus dem Keller und legte sie seinem Vater im Krankenhaus vor. Der Schwerkranke kreuzte bei den Optionen nur noch Ja oder Nein an und unterschrieb.

Auch für Ehepaare wichtig

Der Stiefsohn war in dem Moment erleichtert, dass er damit für so wichtige Schritte wie die Beantragung der Pflegestufe oder Arztgespräche legitimiert war. „In der Akutsituation funktioniert man einfach nur“, sagt er. Mit etwas Abstand wuchs aber das schmerzliche Bewusstsein, wie gerne er mit seinem Stiefvater über seine Wünsche gesprochen hätte. Zum Beispiel auch darüber, wo er bestattet werden möchte, wie die Trauerfeier aussehen und wer informiert werden soll. Da hätte eine Adressenliste geholfen. Und um alle formalen Angelegenheiten wie die Ummeldung von Kfz- und Mietvertrag, Telefon oder GEZ-Gebühr im Sinne seiner Mutter regeln zu können, wäre zudem das Windows-Passwort hilfreiche gewesen.

Ansprechpartner zur Patientenvorsorge

Aus der Vielzahl von Informationsquellen zum Thema Patientenvorsorge seien die Internetseite vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz sowie die vom Niedersächsischen Justizministerium empfohlen (Publikation zur Vorsorgevollmacht beziehungsweise Publikation zum Betreuungsrecht).

Auch die Ärztekammer Niedersachsen informiert über Patientenverfügungen und bietet ein Formular zum herunterladen an.

Lokale Ansprechpartner sind die Betreuungsbehörden vor Ort, die es in jedem Landkreis beziehungsweise in jeder kreisfreien Stadt gibt (Adressen in dieser Publikation ab Seite 35).

Dokumente zum Download gibt es zum Beispiel auch auf der Seite der Betreuungsstelle in Oldenburg.

Die von Michael Dernoscheck erlebte Diskrepanz findet sich in vielen Familien. Die Menschen vertrauen darauf, dass Angehörige oder Freunde in ihrem Sinne handeln werden. Was genau passieren soll, wird aber nie thematisiert. Wie hoch die Hemmschwelle ist, für den Fall der eigenen Hilflosigkeit vorzusorgen, weiß Josef Roß, der als Leiter im Sozialdienst des Pius-Hospitals auch Kurse über das Thema Patientenverfügung bei der Volkshochschule Oldenburg gibt. Er unterscheidet bei der Dringlichkeit der zu regelnden Fragen allerdings klar zwischen Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. „Im Notfall stellt sich immer die Frage, wer für mich entscheiden kann. Das wird in einer Vorsorgevollmacht geregelt, die wirklich jeder haben sollte“, sagt Roß. Gerade auch für jungen Menschen, die viel unterwegs sind, sieht er die Notwendigkeit, denn mit der Volljährigkeit seien die Eltern rein rechtlich nicht mehr entscheidungsbefugt. Liegt keine Vollmacht vor, werde von Rechts wegen das Betreuungsgericht eingeschaltet. Ganz wichtig sei eine Vorsorgevollmacht auch für Ehepaare, denn anders als vielfach angenommen seien auch Ehepartner nicht automatisch bevollmächtigt, füreinander zu entscheiden.

Reden das A und O

Von dieser Frage des „Wer soll handeln?“ grenzt der Vorsorge-Experte die Frage ab „Was soll passieren?“. Dies werde in der Patientenverfügung geregelt, entweder allgemein gehalten in dem Sinne „Lasst mein Leben zu Ende gehen, aber sorgt dafür, dass ich nicht leiden muss“, oder mit konkreteren Angaben beispielsweise zur künstlichen Ernährung und Beatmung. Roß hat festgestellt, dass sich viele Menschen unter Druck gesetzt fühlen, weil sie meinen, sie müssten eine Patientenverfügung haben. Deshalb stellt er klar: „Eine Patientenverfügung ist kein Muss.“ Allerdings sei sie eine große Erleichterung für Ärzte und die bevollmächtige Person und gebe dem Patienten die Sicherheit, dass seine Vorstellungen bekannt sind.

Das A und O bei den Vorkehrungen für den Notfall sieht Roß – ebenso wie Dernoscheck – im Austausch mit den nahestehenden Menschen. Selbst wenn nichts schriftlich fixiert werde, habe es einen großen Wert, über Sorgen, Hoffnungen und Wünsche gesprochen zu haben. Bevollmächtigten, die schwierige Entscheidungen treffen müssen, gibt Roß den Rat: Sie sollten sich Hilfe suchen im Gespräch, zum Beispiel bei der Krankenhaus-Seelsorge, dem Sozialdienst oder einem ambulanten Hospizdienst. Im Landkreis Ammerland gebe es hierfür ein ambulantes Ethik-Komitee, das über den Palliativstützpunkt zu erreichen ist.

Michael Dernoscheck und seine Frau haben auf jeden Fall alles genau durchgesprochen und „das Basispaket verfasst, damit der andere jeweils handlungsfähig ist“. Die unschöne Situation, in der er war, soll sich in seiner Familie nicht wiederholen.

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