• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Richter Bührmann: „Da wird doch rumgeeiert!“

22.02.2019

Oldenburg Als das Klinikum Oldenburg im Spätsommer 2002 den Krankenpfleger Niels Högel loswerden wollte, tat der 25-Jährige das, was Arbeitnehmer dann eben so tun: Er wandte sich an den Betriebsrat.

„Aufgelöst“ sei er gewesen, notierte die Betriebsrätin Pia U. im Anschluss, „sichtlich ängstlich“.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Högel mindestens 36 Patienten getötet, das zeigen 15 Jahre später die Ermittlungen der Sonderkommission „Kardio“. Aber nicht die Toten machten Högel damals Kummer: 2002 fürchtete er um seinen Job.

Es wird gemauert

Es ist Tag 12 im Prozess gegen Niels Högel, angeklagt wegen Mordes in insgesamt 100 Fällen, und am Zeugentisch sitzt an diesem Donnerstag Pia U., 59 Jahre alt. Auch sie leidet unter den in Oldenburg zuletzt häufiger zu beobachtenden Erinnerungsschwächen. Aber sie hat damals fleißig Buch geführt und sich Notizen von allen Gesprächen gemacht.

SPEZIAL: Lesen Sie hier alles zum Prozess gegen Niels Högel

2002 machte der Betriebsrat seinen Job: Er vertrat den Arbeitnehmer Högel und sprach mit Högels Vorgesetzten. Es gab keinen Zweifel: Die Klinikleitung wollte sich von dem Pfleger trennen. Warum, das erfuhr der Betriebsrat nicht.

Die „Vertrauensbasis ärztlicherseits“ sei nicht mehr gegeben, sagte der Geschäftsführer laut der Notizen.

Man zweifle „die qualitative Arbeit von Herrn Högel“ an, so der Chefarzt.

Der Personalchef sagte, er kenne der Fall, könne aber nicht mehr sagen.

Die Pflegedirektorin verwies an den Klinikchef.

„An der Theke würde ich sagen, es wird rumgeeiert“, sagt Richter Sebastian Bührmann. Da er aber im Gerichtssaal sitzt, fragt er die Zeugin: „Hatten Sie das Gefühl, die Verwaltung sagt Ihnen nicht alles, was sie weiß?“

„Ja“, antwortet Pia U., „ich hatte schon den Eindruck, dass gemauert wird.“

Lesen Sie auch: Mintrop: „Hatte keine Kenntnis von Mordtaten“ (NWZ-Artikel vom 1. Dezember 2018)

Im kleinen Kreis, so notierte es Pia U., bat Geschäftsführer Rudolf Mintrop den Betriebsrat noch einmal, auf Högel einzuwirken, dass er das Haus verlässt. Und zum ersten und einzigen Mal wurde er ein wenig konkreter, er gab – Zitat Richter Bührmann – „Butter bei die Fische“: Es seien „mehrfach Notfallsituationen entstanden, bei denen immer Herr Högel zugegen war“, und man habe den Verdacht, dass er diese Notfälle absichtlich herbeigeführt habe. „Zum Schutz von Herrn Högel selbst und auch zum Schutz der Patienten“ müsse man ihn bitten, das Haus zu verlassen, „auch um einen möglichen Imageschaden abzuwenden“.

Der Betriebsrat bohrte noch einmal nach im Interesse des Arbeitnehmers Högel: Könnten diese Notfallsituationen nicht auch zufällig entstanden seien?

Das halte er „für nahezu ausgeschlossen“, antwortete Geschäftsführer Mintrop laut Protokoll.

Ein Anruf aus Delmenhorst

Das Gericht möchte mehr erfahren. „Der Vermerk über dieses Gespräch beinhaltet ja vermutlich den größten Zündstoff überhaupt“, sagt Bührmann. Aber die Zeugin erinnert sich allenfalls vage. Wer fragte nach den Zufällen? Wo fand das Gespräch statt? „Ich kann es nicht sagen.“

Im Juli 2005 bekam Pia U. dann noch einmal mit dem Thema Högel zu tun. Gut vier Wochen vorher war der Pfleger im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat ertappt worden, als er dem Patienten Dieter M. eine Überdosis des Herzmittels Gilurytmal spritzte. Im Gespräch mit einem Chefarzt erinnerte sich U., dass es da auch eine Nachfrage des Personalrats aus Delmenhorst gegeben habe: ob mit Högel in Oldenburg mal „irgendwas losgewesen“ sei.

Aber was genau wollte der Personalrat wissen? Und vor allem: Wann wollte er das wissen? Bevor Högel auf frischer Tat ertappt wurde? Bevor er seinen letzten Mord am 24. Juni 2005 begangen hatte?

Die Zeugin denkt lange nach. „Ich weiß es nicht“, sagt sie dann.

Nach zwei Stunden muss sie am Donnerstagnachmittag die Eidesformel sprechen: „Ich schwöre, so wahr mir Gott helfe.“

Gegen vier ihrer Kollegen aus dem Klinikum Oldenburg, als Zeugen vor Gericht in den vergangenen Wochen ebenfalls von Erinnerungslosigkeit geplagt, hat die Staatsanwaltschaft bereits Meineid-Verfahren eingeleitet. Meineid wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

Lesen Sie auch: Meineid-Vorwurf Im Högel-Prozess – Klinikum Oldenburg stellt Mitarbeiter frei

Auch der erste Zeuge des Tages, Krankenpfleger Ewald H., 48 Jahre alt, muss am Ende seiner Aussage schwören, die Wahrheit gesagt zu haben. „Was Sie uns hier sagen, das klingt so – um im Medizinerjargon zu bleiben – klinisch steril“, hat Richter Bührmann vorher bemängelt.

Zum Glück machen sich aber nicht nur Betriebsräte Notizen. Auch der aktuelle Vorstand des Klinikums Oldenburg, Dr. Dirk Tenzer, hat fleißig Gesprächsprotokolle angelegt. Und die landeten, wenn auch mit Verzögerung, bei der Polizei.

Tenzer hatte im September 2014 seine Mitarbeiter aufgefordert, sich doch bitte zu melden, wenn sie Aussagen zum Wirken Högels in Oldenburg machen könnten. Damals war gerade der zweite Prozess gegen Högel eröffnet worden; nach dem Verfahren wegen versuchten Mordes im Fall Dieter M. in den Jahren 2006/08 stand Högel nun wegen fünf weiterer toter Patienten aus dem Klinikum Delmenhorst vor Gericht.

Lesen Sie auch: Eine grauenvolle Nacht auf Station 211

Ewald H. meldete sich bei Tenzer. Und er hatte laut Protokoll einiges zu erzählen.

„Immer, wenn Högel da war, gab es Notfallsituationen.“

„Ständig“ habe es „Kalium-Hochdiskussionen gegeben“.

„Nach Högels Wechsel in die Anästhesie ging es da los.“

Sogar an die Pflegedirektorin soll sich H. gewandt haben, „um ihr von seinem Verdacht bzw. der komischen Notfallsituation zu berichten“. Die habe ihn aber gebeten, „sich ruhig zu verhalten“ und auch „an den Ruf der Klinik zu denken“.

Nein, sagt H., daran könne er sich nicht erinnern.

So in dem Wortlaut habe er das bestimmt nicht gesagt.

Und über Tenzers Protokoll: „Da weiß ich nicht, wie er darauf kommt.“

Ende einer Freundschaft

Es ist ein zähes Geschäft, das der Richter da betreibt. Er hat aber noch mehr Schriftliches.

Lesen Sie ein Porträt von Sebastian Bührmann: Ein besonderer Richter für die spektakulären Fälle (Abo)

Ewald H. war lange Zeit gut mit Frank Lauxtermann befreundet. Lauxtermann, ebenfalls ehemals auf Station 211 beschäftigt im Klinikum Oldenburg, war bislang einer der wichtigsten Zeugen vor Gericht. Seine Erinnerungen sind weitgehend tadellos, allerdings war Lauxtermann nur bis März 2001 in der Herzchirurgie tätig; viele der Dinge, die er berichtet, stammen aus zweiter Hand. Und Lauxtermanns wichtigste Quelle dafür war der Freund und Kollege Ewald H.

An die meisten dieser Aussagen kann sich H. leider auch nicht mehr erinnern. Aber der Richter hat E-Mails und SMS-Nachrichten, die Lauxtermann und H. ausgetauscht haben. „Franky“ oder „Sir“ nennen sie sich da. Damals waren sie ja noch Freunde.

„Mut und Charakter“ bescheinigt H. dem Freund, nachdem der 2014 so ausführlich mit der Polizei gesprochen hat. „Hut ab für deine Entscheidung“, schreibt er. Oder: „Super!“ Und H. ist sich sicher: „Es werden einige mächtig nervös.“ So schreibt er weiter: „Es wird alles rauskommen“, „die Wahrheit kommt ans Licht“, „was für ein Sumpf“.

Fassungsloser Zeuge

Vor Gericht sagt H. nun: Der Lauxtermann habe sich in etwas verrannt, er habe nur noch über das Thema Högel gesprochen, er habe ihn nicht provozieren wollen. „Achte auf deine Gesundheit“, habe er ihn gewarnt. Lauxtermann sei angeschlagen gewesen, körperlich und psychisch.

NWZ-Interview mit Karl H. Beine: Den Krankenhaus-Mörder Högel fest im Blick (Abo)

Hinten im Gerichtssaal sitzt Frank Lauxtermann. Mehrfach habe er rausgehen müssen, um Luft zu holen, sagt er später. Und er sagt: „Schade. Der kleine Ewald hätte heute ganz groß sein können.“

Immerhin sagt Ewald H. etwas, als ihn Richter Bührmann die berühmte Strichliste von Station 211 zeigt. Die Strichliste vom Herbst 2001, angelegt vermutlich vom Stationsleiter im Auftrag des Chefarztes, gleicht Dienstzeiten von Pflegern mit Reanimationen und Sterbefällen ab. H. sagt, er habe von dieser Liste nichts gewusst.

Aber, als er Jahre später davon erfuhr, sei er „schockiert“ gewesen. „Weil mir klar wurde, dass es wirklich 2001 Mitarbeiter, Kollegen gab, die es wahrgenommen haben und nicht reagiert haben ... auch die Leitung. Das macht mich völlig fassungslos.“

Mehr würde man gern vom Stationsleiter hören, vom Chefarzt, von der Pflegedirektorin, vom ehemaligen Geschäftsführer Mintrop. Sie haben aber alle bereits erklärt, dass sie schweigen werden; sie machen von ihrem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch. Das Recht haben sie, weil gegen sie im Vorwurf Totschlag durch Unterlassen ermittelt wird.

Multimedia-Dossier: Der Fall Högel


Alle Texte bisher:   www.nwzonline.de/krankenpfleger-prozess 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2020
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.