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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Niels Högel: „Ich empfinde Scham, teilweise Ekel vor mir selbst“

22.11.2018

Oldenburg Im Klinikmordprozess hat der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel mehrere Taten zugegeben, aber auch Kollegen belastet. So warf er etwa einem damaligen Assistenzarzt des Klinikums Oldenburg vor, „wie im Wahn“ eine Patientin reanimiert zu haben, bis ihr ein Rippenknochen ins Herz gestoßen sei. Högel räumte ein, der Patientin zuvor eine Medikamentenüberdosis verabreicht und sie so in eine Notfallsituation gebracht zu haben.

Högel ist angeklagt, 100 Patienten in Oldenburg und Delmenhorst ermordet zu haben. Am zweiten Verhandlungstag, der zur Stunde in der Weser-Ems-Halle läuft, konfrontiert ihn das Gericht Fall für Fall mit den einzelnen Vorwürfen. Mehrere Taten gestand Högel, an andere kann er sich nach eigenen Angaben nicht erinnern – wie etwa an seine mutmaßlich erste Tat im Februar 2000 auf einer Intensivstation in Oldenburg. „Ich kann es aber auch nicht ausschließen“, sagte er wiederholt.

Gleich den zweiten Vorwurf allerdings, die Tötung eines Patienten im Juli 2000 in Oldenburg, wies er zurück. „Das ist einer von wenigen Patienten, wo ich sagen kann, dass ich keine Manipulationen vorgenommen habe“, so Högel. Er deutete stattdessen an, dass eine Kollegin sich verdächtig verhalten habe. Sie habe eine „gewissen Ruf“ gehabt. Zwar habe das nie jemand ausgesprochen, „aber jeder wusste, was gemeint war“.

Bis zum Mittag rief der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann die ersten 14 Högel zur Last gelegten Fälle in chronologischer Reihenfolge auf und befragte ihn nach seinen Erinnerungen. In insgesamt sechs Fällen könne er sich an die Patienten und an die Manipulationen erinnern, sagte Högel.

Als erstes rief Bührmann den Fall einer am 7. Februar 2000 gestorbenen Frau auf, in deren Körper der Wirkstoff Lidocain gefunden worden war. „Nein, da kann ich nichts zu sagen“, antwortete Högel. „Keine Erinnerung.“ Er beteuerte jedoch, die ihm vorgeworfenen Taten mit einer Ausnahme „auf keinen Fall ausschließen“ zu wollen.

Gefühlskalt, ohne Empathie

Als er die Krankengeschichten auf einem vom Gericht gestellten und besonderes gesicherten Laptop gelesen habe, habe er sich gefragt, wer die Taten sonst begangen haben solle. Heute empfinde er „Scham, teilweise Ekel vor mir selbst.“ Er stelle sich Fragen, wie er so gefühlskalt habe werden können und wer er heute sei. „Jeder Fall tut mit unendlich leid“, sagte Högel.

Während und nach den Taten sei er nahezu ohne Empathie gewesen, sagte Högel. Er habe sich nach erfolgreichen Reanimationen gut gefühlt. Auch das Mitleid der Kollegen nach erfolglosen Wiederbelebungen habe er als Anerkennung empfunden. Auf die Frage nach dem Verhältnis von gelungenen und erfolglosen Reanimationen sagte Högel: „Die Mehrheit war erfolgreich. Das war mein Motivator.“

Entscheidung in wenigen Sekunden

Die Entscheidung zur Tat sei in der Regel binnen weniger Sekunden am Krankenbett gefallen. Högel zufolge seien fast alle Patienten sediert und in einem schlechten Allgemeinzustand gewesen. So seien die Krisen nicht als ungewöhnlich aufgefallen. Er habe die automatische Überwachung für einige Sekunden unterbrochen, das Medikament verabreicht und sei dann aus dem Zimmer gegangen, um beim Einsetzen des Alarms nicht in der Nähe zu sein.

Die Staatsanwaltschaft wirft Högel in dem neuen, dritten Prozess vor, 100 Patienten in Oldenburg und Delmenhorst zwischen Februar 2000 und Juli 2005 zu Tode gespritzt zu haben. Am zweiten Prozesstag am Mittwoch begannen die Richter damit, den Angeklagten zu jeder einzelnen Tat zu befragen. Dies sei notwendig, um jeden Fall aufzuklären und jeweils die Schuld festzustellen, sagte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann.

An dem Prozess vor der 5. Strafkammer des Oldenburger Landgerichts beteiligen sich mehr als 120 Angehörige der Opfer als Nebenkläger. Wegen sechs weiterer Taten verbüßt Högel bereits eine lebenslange Haftstrafe.

Högel soll immer wieder kranken Menschen eine tödliche Medikamentendosis gespritzt haben, um diese anschließend wiederbeleben zu können. Die Ermittler gehen davon aus, dass er das aus Langeweile tat und um vor Kollegen sein Können zu beweisen.

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Später wechselte Högel ans Klinikum Delmenhorst und tötete dort erneut Patienten. Die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte nahm erst ein Ende, nachdem eine Krankenschwester Högel im Sommer 2005 auf frischer Tat erwischte. Dennoch dauerte es Jahre und zwei Gerichtsverfahren, bis das gesamte Ausmaß der Verbrechen ans Licht kam.

Wegen des großen Andrangs beim Prozess hat das Landgericht die Verhandlung in eine Kongresshalle nahe des Bahnhofs verlegt. Für die Aussage von Högel haben die Richter vier Prozesstage eingeplant. Ab Januar wollen sie dann die ersten Zeugen hören.

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Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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