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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Unfallopfer wird obduziert – Polizeiverhalten überprüft

24.11.2017

Oldenburg /Rastede „Mensch, runter von der Straße!“ Das will sie dem „extrem torkelnden“ Unbekannten so sauer wie schockiert jetzt entgegenschreien. Dann aber sieht sie zwei Scheinwerfer durchs Dunkel brechen, hört den dumpfen Knall. Und plötzlich ist alles anders.

Fünf Tage nach dem schweren Unfall auf der Oldenburger Straße zwischen Wahnbek und Rastede, wo ein 23-jähriger Iraner am frühen Sonntagmorgen auf der Fahrbahn von einem Auto erfasst wurde und wenig später in einem Krankenhaus seinen Verletzungen erlag, sind Fragen offen. Fragen, die sich anscheinend nicht nur die 22-jährige Lisa – gemeinsam mit ihrer Kollegin Jule Ersthelfer am Unfallort – stellt, sondern auch die Staatsanwaltschaft.

Weil es kurz vor dem Unglück bereits mehrere mindestens unglücklich verlaufene Zusammentreffen des Opfers mit der Polizei gab, hatte sich die Behörde eingeschaltet, die Obduktion des Leichnams beantragt. Die wahrscheinliche Todesursache sei demnach der Zusammenstoß mit dem fahrenden Auto einer 29-Jährigen aus dem Ammerland, heißt es. Abgeschlossen sind die Ermittlungen damit aber nicht. Denn: „Darüber hinaus wurde ein Gutachten zur Bestimmung einer etwaigen Blutalkoholkonzentration in Auftrag gegeben“, so Staatsanwalt Torben Tölle. Auch solle geklärt werden, ob der Verstorbene unter Einfluss von Medikamenten oder berauschenden Mitteln gestanden haben mag. Dies ist nach der anscheinend geklärten Todesursache insofern interessant, als dass es da ja noch eine Vorgeschichte gibt.

Rückblende: In der Oldenburger Innenstadt sei dem Mann und seinen Freunden am frühen Sonntagmorgen der Zutritt zu einem Club verwehrt worden – so hatte er es gegen 5.50 Uhr auf der City-Wache erklärt und sich lautstark beschwert. Vor der Wache soll der Mann weiter randaliert haben. Da ein Platzverweis gegen den – laut Polizei „klar orientierten“ – Mann nicht befolgt wurde, wollten sie ihn nach Hause fahren. Dort kam er aber nie an. Wegen eines dringenden Einsatzes hätten sie den 23-Jährigen um 6.30 Uhr am Stubbenweg abgesetzt – gut zwei Kilometer von seiner Wohnung entfernt.

„Mann total auffällig“

Im bundesweiten Polizeijargon gibt es die Begrifflichkeit „Verbringungsgewahrsam“, die im niedersächsischen Gesetz jedoch nicht vorkommt. Es bedeutet, dass Betroffene an einen weiter außerhalb liegenden Ort gebracht werden, wo diese sich beruhigen, niemandem schaden und heimwärts laufen können. Das gilt für jene, die gut orientierungsfähig sind.

Und genau an diesem Punkt treffen die unterschiedlichen Aussagen aufeinander. Für die Polizisten war der Mann „augenscheinlich nicht alkoholisiert“. Gleich mehrere Zeugen aber behaupten das Gegenteil. Beispielsweise Behrouz Djalili, sein Ringer-Trainer. Er weiß, dass der junge Iraner vorher mit Freunden durchaus einiges in der Innenstadt getrunken hatte. Auch jene Rastederin, die den Mann um 6.50 Uhr auf der Oldenburger Straße „fast selbst angefahren“ hätte, wie sie sagt, sieht das ähnlich. Via Notruf habe sie der Polizei mitgeteilt, dass der Gang des Mannes mitten auf ihrer Fahrbahn „total auffällig“ gewesen sei. Zum Unglück sei es nur nicht gekommen, weil „ein anderes Fahrzeug mich kurz vorher mit Lichthupe gewarnt hatte.“ Eine Streife sei danach rausgefahren und hätte den Iraner auch angetroffen. Bei der folgenden Überprüfung sei er dann – auf dem Gehweg – überraschend fortgerannt.

Etwa 20 Minuten später, gegen 7.18 Uhr, fuhren Lisa und ihre Kollegin ebenfalls besagte Straße entlang und wurden von dem dunkel gekleideten Mann überrascht. „Ich habe nur noch das Steuer rumgerissen“, sagt sie, „es ging doch alles so schnell.“ Als sie den Wagen wendete, um den 23-Jährigen zu warnen, mussten die jungen Frauen mit ansehen, wie er vom Fahrzeug der 29-Jährigen erfasst und in den Graben geschleudert wurde. Ein Notruf wurde abgesetzt, zu dritt der Schwerverletzte dort herausgezogen. Schnell sei auch die Polizei vor Ort gewesen – „sie hätten ihn gesucht, wurde uns gesagt“, so Lisa. Die Beamten hätten versucht, ihn zu reanimieren. Letztlich ohne Erfolg.

Die vorgesetzte Polizeidirektion (PD) Oldenburg hatte nach NWZ-Informationen bereits am Montag entschieden, die Gesamtumstände klären zu lassen – Kriminalrat Josef Schade (Leitung Zentraler Kriminaldienst, Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta) wurde damit beauftragt. „Aus Neutralitätsgründen“, so PD-Sprecher Mathias Kutzner.

Familie wurde informiert

Auch die Staatsanwaltschaft wolle prüfen, ob es „Anhaltspunkte für ein mögliches Fehlverhalten der eingesetzten Polizeikräfte“ gibt, wie Torben Tölle sagt. Falls ja, könnte dies strafrechtliche Folgen haben: Vor fast genau einem Jahr wurden im nordrhein-westfälischen Moers zwei Polizisten wegen „fahrlässiger Tötung“ zu je sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Sie hatten am äußersten Ende Schwafheims einen randalierenden Alkoholiker abgesetzt, der später überfahren wurde.

Im Falle des 23-jährigen Iraners werde das ausstehende Gutachten erst in ein paar Wochen erwartet. Unabhängig davon wird ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen die 29-jährige Fahrerin eingeleitet und geprüft, ob sie den Unfall hätte verhindern können. Die Familie des jungen Mannes ist derweil über das Generalkonsulat der islamischen Republik Iran in Hamburg informiert worden.

Lesen Sie auch: Polizei gibt neue Details bekannt, NWZ-Artikel vom 21.11.2017