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Schicksal Oldenburg: Auf Todesangst folgt Papierkrieg - Überfallopfer ändert sein Leben

OLDENBURG - Klaus Holst hatte für sein Leben einen Plan. Es war nur ein einziger Tag, an dem sich der 64-Jährige zur falschen Zeit am falschen Ort befand – seit diesem Tag geht der Plan nicht mehr auf. Holst ist Opfer eines Raubüberfalls geworden. Sein Berufsleben fand ein plötzliches Ende.

Seit 1995 führte ihn sein Arbeitsweg jeden Tag in eine Oldenburger Spielhalle. Dort arbeitete Holst als Aufseher, in den letzten acht Jahren war er auch für das Personalwesen zuständig. Bis zum Renteneintritt im November 2012 wollte Holst hier arbeiten, dann von seiner Rente leben und die letzten Schulden begleichen. Der Plan stand – bis zu einem Märzabend im Jahr 2010.

Es ist ein Sonnabend, in der Spielhalle ist wenig los. Am späten Abend kommen zwei Männer durch die Tür, einer vermummt, der andere mit Mantel und Pudelmütze. „Raubüberfall“, schreit der kleinere von beiden, zieht dann die Waffe. Mit der Gaspistole schießt er Holst direkt ins Gesicht. Alles geht schnell, insgesamt schießen die Männer dreimal auf den Angestellten – einer geht auch mit einem Messer auf ihn los. Mit einem Krankenwagen wird Holst nach dem Überfall ins Pius-Krankenhaus gebracht.

„Bis ich begriffen habe, was da passiert ist, sind Tage vergangen“, erinnert sich Holst. „Ich bin erst mal nicht mehr aus dem Haus gegangen.“ Irgendwann schafft er es, wieder mit seinem Chihuahua vor die Tür zu gehen. Doch wenn ein Passant hinter ihm her geht, wechselt Holst die Straßenseite.

Schwierige Genesung

„Ich bekomme noch immer einen riesigen Schrecken, wenn auf einmal jemand hinter mir auftaucht. Ich gehe auch zu keiner Veranstaltung mehr.“ Herzrasen und Atemnot, die typischen Anzeichen einer Panik-Attacke, verfolgen Holst. Er hat die Spielhalle seit dem Tag des Überfalls nicht mehr betreten.

Schließlich begab er sich in Therapie. Seine Therapeutin, Magdalena Bode-Wilbers, half ihm dabei, die Schreckensbilder des Überfalls zu verarbeiten. Aber sie kann ihm nicht helfen, seine Existenzängste zu überwinden. Denn seit dem Überfall kämpft Holst in einem nervenzehrenden Papierkrieg um seine Zukunft.

78 Wochen, das ist die gesetzlich festgelegte Frist, hat die Berufsgenossenschaft den Lebensunterhalt des Überfall-Opfers bezahlt. Mitte Oktober ist diese Frist ausgelaufen. Jetzt fühlt Holst sich von den Ämtern allein gelassen. Ihn quälen Schlafstörungen und Angst-Zustände – nicht mehr wegen des Überfalls. Holst weiß nicht, wie es für ihn weitergeht. Statt Hilfe hat er bei den Behörden sogar Ablehnung gespürt. Ein Sachbearbeitern des Jobcenters habe ihm gesagt, er solle mit seiner Frau aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen und außerdem seinen Hund verkaufen. „Wie soll denn ein Mensch auf diese Weise gesund werden?“, fragt Bode-Wilbers.

Die Täter, einer wurde gefasst, der andere hatte sich gestellt, hat Holst auf Schmerzensgeld und Lohnausfall verklagt. Einer von beiden wurde bereits dazu verurteilt, beides zu zahlen, außerdem weitere Schadensersatzzahlungen zu leisten. Allerdings geht Holst nicht davon aus, dass der junge Mann in der Lage sein wird, überhaupt Geld aufzubringen. Holst wäre auch auf den Prozesskosten sitzengeblieben, hätte er keine Rechtsschutzversicherung.

Petra Klein vom Weißen Ring weiß, dass so ein Schicksal kein Einzelfall ist. „Menschen stehen im Arbeitsleben, dann werden sie Opfer einer Straftat, sind traumatisiert. Zunächst zahlt die Berufsgenossenschaft. Doch das Geld läuft irgendwann aus.“ So könne es passieren, dass die Menschen, die eben noch mit beiden Beinen im Leben standen, auf einmal zu Sozialfällen werden.

Ratlos und rastlos

„Diese Leute sind ohnehin schon traumatisiert und dann werden sie auch noch alleine gelassen“, meint Klein. Keine Stelle fühle sich direkt zuständig, auf die Opfer kämen Anträge, Gutachten und Behördengänge zu. „Damit sind die Menschen, vor allem nachdem sie Opfer einer Straftat wurden, erstmal überfordert.“ Der Weiße Ring hilft Holst – mit finanzieller Soforthilfe, einem Renten- und einem Rechtsberater.

Im Behandlungsraum seiner Therapeutin sitzt Holst an einem Tisch. Vor ihm liegt ein Ordner voller Dokumente, Unterlagen, Kopien. Immer wieder fängt er an zu blättern, er wirkt ratlos und rastlos. „Ich weiß einfach nicht, wie es weitergeht“, sagt er, sein Blick fällt auf die Tischkante.

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales
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