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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Süchtig nach Patienten-Tötungen

13.12.2018

Oldenburg Einmal, sagt der Mörder, wollte er tatsächlich Schluss machen. Nicht mit dem Morden, das war schon vorbei, sie waren ihm ja auf die Schliche gekommen. Nein, Niels Högel wollte seinem Leben ein Ende setzen: Er war seinen Job los, seine Frau war auch weg, er trank exzessiv, meistens Korn, manchmal auch Wodka, also fuhr er in den Wald, um sich zu Tode zu trinken. „Mit den Mengen, die ich bei mir hatte, hätte ich gute Chancen gehabt, dass das auch funktioniert“, sagt er vor Gericht.

Es funktionierte nicht: Ein Freund fuhr ihm hinterher und hielt ihn vom Selbstmord ab. Högel lebte weiter, seine Opfer blieben tot.

Lesen Sie auch:Die Chronik des Krankenpfleger-Prozesses

Getrunken hatte er schon, als er noch in der Klinik arbeitete. Nach jeder Schicht, ob Frühdienst oder Nachtdienst, fuhr er an die Tankstelle und deckte sich mit Alkohol ein. „Das war auch die Zeit, wo ich auf nichts mehr geachtet habe und eigentlich darauf gewartet habe, erwischt zu werden“, sagt Högel am fünften Prozesstag in der Oldenburger Weser-Ems-Halle. „Ich merkte, dass es aufhören muss ... das war so eine innere Sehnsucht nach Ende.“

Richter Sebastian Bührmann stellt die naheliegende Frage: Warum haben Sie dann nicht einfach aufgehört?

„Es war automatisiert ... so eine Art Routine ... ich will nicht sagen ferngesteuert...“, Högel sucht nach Worten, „mir war alles egal.“

„Würden wir hier über Drogen sprechen, würde ich von einer Sucht sprechen“, sagt Richter Bührmann und fragt: „Was macht Sie süchtig nach Tötungen, wenn es eigentlich schon vorbei ist?“ Eine Antwort bekommt er nicht.

Am Ende des Vormittags wird das Gericht Högel mit 100 Mordvorwürfen konfrontiert haben. 43 Taten gibt er zu, fünf streitet er ab. An die übrigen 52 Patienten kann er sich angeblich nicht erinnern, er schließt eine Tat aber auch nicht aus.

Willkürliche Opferwahl

Wie sehr Leben oder Tod für Högels Patienten in diesen Tagen letztlich vom Zufall abhingen, zeigt der Fall Hertha M., verstorben am 10. September 2004 im Klinikum Delmenhorst. An dem Tag hat eine Krankenschwester Dienst, die denselben Nachnamen trägt. Högel fragt die Kollegin, ob die Patientin vielleicht eine Verwandte von ihr sei. Als sie das verneint, spritzt er Hertha M. eine tödliche Dosis des Medikaments Gilurytmal.

„Wenn sie eine Verwandte gewesen wäre, dann hätten Sie sie nicht vergiftet?“, fragt Richter Bührmann.

„Genau“, antwortete Högel. So etwas habe er der Kollegin nicht antun wollen.

Viereinhalb Verhandlungstage lang hat Högel nun ausgesagt vor Gericht – was bleibt, sind vor allem Widersprüche.

Högel zeigt Empathie gegenüber Kollegen – aber nicht gegenüber schwerkranken Intensivpatienten?

Er sagt, seine Verhaftung im Sommer 2005 habe er als „eine Art Befreiung“ erlebt, „ich war froh, dass es vorbei war“. In der ersten Woche im Gefängnis habe er fast nur geschlafen. Aber dann, nach seiner vorläufigen Entlassung aus der Untersuchungshaft, fährt er in den Wald, um sich zu Tode zu trinken?

Und warum streitet er bei den polizeilichen Vernehmungen alles ab?

Am 22. Juni 2005 war Högel in Delmenhorst auf frischer Tat ertappt worden, nachdem er dem Patienten Dieter M. heimlich eine Überdosis Gilurytmal gespritzt hatte; M. starb am nächsten Tag. Im nachweislich alkoholisierten Zustand macht Högel ein Geständnis, das er aber kurz darauf widerruft. Zur Erinnerung: Högel hat zu diesem Zeitpunkt, Sommer 2005, laut den heute bekannten Ermittlungsergebnissen der Sonderkommission „Kardio“, mindestens 36 Patienten in Oldenburg getötet und 70 in Delmenhorst, möglicherweise auch sehr viele mehr. Damals wirft ihm die Polizei eine einzige Tat vor, den Mordversuch an Dieter M. – und Högel, der allein weiß, was er getan hat, dem nach eigenen Angaben längst alles egal ist, der erwischt werden wollte, streitet diese eine Tat ab?

„Ich habe nichts aus taktischen Gründen verschwiegen“, sagt Högel am Mittwoch vor Gericht. Er sei einfach nicht in der Lage gewesen, das alles zuzugeben, sagt er; er habe vieles verdrängt.

So sei es gewesen, als er im Prozess 2014/15 bis zum Schluss bestritt, dass er in Oldenburg Patienten getötet habe. Und so sei es auch gewesen, als er leugnete, andere Medikamente als Giluytmal als Mordwerkzeug verwendet zu haben. Fünf verschiedene Mittel sind inzwischen bekannt.

Die Suche nach Wahrheit

Es wird die große Aufgabe dieses Gerichts sein, herauszufinden, was man diesem Angeklagten glauben darf. Ob man ihm überhaupt glauben darf.

Im Gericht sitzen zwei psychiatrische Sachverständige, die Högel begutachten sollen. Etliche Zeugen werden aussagen, darunter Toxikologen und Gerichtsmediziner, die die toten Patienten untersucht haben. Die Polizei wird berichten, den Anfang macht am nächsten Sitzungstag der Leiter der Soko „Kardio“, Polizeioberrat Arne Schmidt.

Die größte Frage aber, wie vielen Patienten Högel insgesamt etwas angetan hat, werden sie alle nicht beantworten können. Am Mittwoch vor Gericht fällt Richter Bührmann wieder einmal eine Lücke auf zwischen den verschiedenen Mordvorwürfen. Kann es sein, dass Högel drei Monate lang keinen Patienten ein Medikament spritzte, um ihn in eine Notfallsituation zu bringen und wiederbeleben zu können?

„Lücken kann es eigentlich nicht gegeben haben“, sagt Högel. „Es kann sein, dass es in der Zeit erfolgreiche Reanimationen gegeben hat, die nicht dokumentiert worden sind. Jeden zweiten, dritten Dienst gab es mit Sicherheit eine Manipulation.“

Noch immer melden sich nach Berichten über die Klinikmordserie Menschen bei der NWZ und fragen, ob vielleicht auch ihr verstorbener Angehöriger ein mögliches Opfer von Högel sein könne.


Mehr Texte:   www.nwzonline.de/krankenpfleger-prozess 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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