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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Endlich erhält Mike Mansholts Vater Antworten aus Malta

01.06.2018

Oldenburg /Valletta Vor Kurzem bekam der Oldenburger Bernd Mansholt, 53 Jahre alt, überraschend Post. Der Inhalt: mehrere Hundert Seiten Ermittlungsakten aus Malta zum Fall seines verstorbenen Sohnes Mike. Mansholt fand in dem Paket all das, was er seit fast zwei Jahren zu bekommen versuchte; er hatte Bittbriefe geschrieben und Rechtshilfeersuchen auf den Weg gebracht, er hatte persönlich bei den Behörden auf Malta angeklopft, vergeblich. Jetzt lag alles vor ihm: der Autopsiebericht, Fotos von der Bergung der Leiche, Vernehmungsprotokolle, technische Gutachten.

Mysteriöser Fall auf Malta

Mike Mansholt, 17 Jahre alt, war im Sommer 2016 zum ersten Mal allein in den Urlaub geflogen, er reiste nach Malta. Als er am Abend des 22. Juli nicht wie verabredet auf dem Bremer Flughafen landete, gab seine Familie eine Vermisstenanzeige auf. Ein paar Tage später fand ein Suchtrupp der Polizei Mikes Leiche in den Dingli-Klippen. Die schnelle Vermutung der örtlichen Ermittler: Mike war mit einem geliehenen Mountainbike von den Felsen gestürzt.

Doch von Anfang gab es Widersprüche, Merkwürdigkeiten, unbeantwortete Fragen. Mikes Vater zweifelte die Absturztheorie an: Die Leiche lag unter einem Felsvorsprung an einer Stelle, auf die sie unmöglich hätte fallen können. Sie wies keinerlei Knochenbrüche oder große äußere Verletzungen auf, auch das Fahrrad schien weitgehend unbeschädigt zu sein. Mikes Rucksack fehlte, ebenso seine GoPro, eine Actionkamera, mit der er Zeugen zufolge fast unablässig gefilmt hatte im Urlaub. Vor allem aber fehlte der Leiche ein Großteil der inneren Organe. Auf Malta hieß es, sie seien von Tieren gefressen worden; deutsche Gerichtsmediziner schlossen das nach einer zweiten Obduktion aus. Antworten auf diese Fragen fand Vater Bernd Mansholt nicht. Auf seine Bitte um Akteneinsicht schickte man ihm lediglich eine dünne Kladde, bei einer gemeinsamen Recherche-Reise mit der NWZ rannte er gegen eine Mauer des Schweigens.

Und jetzt lag die Akte plötzlich vor ihm, „vollständig“, wie Mansholt meint. Sie beantwortet längst nicht alle seine Fragen – „aber ich habe das Gefühl, ich komme der Wahrheit etwas näher“. Oder anders gesagt: „Mir fehlen noch einige Teile des Puzzles – aber ich kann das Bild erkennen.“

Offizielle Todesursache bekanntgegeben

Woran Mike gestorben ist, wird sich nie mit Gewissheit sagen lassen, weil wichtige Organe nicht untersucht werden konnten: sein Gehirn, sein Herz, die Lungen. Die maltesischen Ermittler kommen aber zu dem Schluss, dass es keinerlei Hinweise auf ein körperliches Trauma oder eine Beteiligung einer weiteren Person als Ursache für Mikes Tod gibt. Sie gehen davon aus, „dass Mike Mansholt eines natürlichen Todes gestorben ist“. Der zuständige Gerichtsmediziner vermutet, dass Mike an jenem heißen Sommertag „durch Dehydrierung, Überanstrengung und unausgeglichene Elektrolyte“ zu Tode kam.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg, die wegen des Verdachts des Totschlags ermittelte, sieht zwar „nach wie vor offene Fragen“, keine davon gestatte indes „den Verdacht, dass Mike Mansholt durch fremde Hand zu Tode gekommen ist“.

Die Absturz-Theorie

Dem Gutachten des maltesischen Gerichts zufolge stürzte Mike mit seinem Fahrrad von den Klippen. Mikes Familie hat das immer bezweifelt, weil Fundort und Zustand des Leichnams nicht zu der Theorie zu passen schienen. Eine abschließende Antwort auf diese Frage geben auch die detaillierten Berichte in den Akten nicht – sie bieten aber mögliche Erklärungen an, die die Widersprüche auflösen könnten. So zeigt Mikes Mountainbike, das in einem Strauch oberhalb des Leichnams gefunden wurde, den technischen Sachverständigen zufolge stärkere Beschädigungen auf, als es zunächst den Anschein hatte; die Schäden passen demnach auch zu einem Sturz in den Strauch.

Auch dafür, dass Mikes Körper trotz eines 30-Meter-Sturzes keine Knochenbrüche aufwies, finden die Gutachter denkbare Gründe. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg fasst es so zusammen: „Immerhin besteht die Möglichkeit, dass der Sturz des Verstorbenen durch den Baum, in dem auch das Fahrrad gefunden wurde, abgebremst worden ist und Mike Mansholt auf dem felsigen Grund hernach wie auf einer Rutsche talwärts geglitten ist.“ Ebenso denkbar ist aber auch die Theorie, die Mikes Vater auf Malta entwickelte: Möglicherweise ist Mike nicht von den Klippen gestürzt, sondern den schmalen Pfad bis zur Fundstelle hinuntergeradelt. Dort warf er, beim verzweifelten Versuch, in der Hitze die Felsen hinaufzuklettern, sein Fahrrad in den Strauch. Anschließend legte er sich völlig entkräftet auf den Felsen – und starb.

Die persönlichen Gegenstände

Zu den Merkwürdigkeiten des Falles gehört, dass Mikes Rucksack und seine GoPro-Kamera spurlos verschwunden sind. Dafür lassen sich aber verschiedene Erklärungen denken, schreibt die Oldenburger Staatsanwaltschaft: „Zum Beispiel könnten diese Dinge von einem Finder unterschlagen worden sein, der naturgemäß kein Interesse gehabt hätte, die maltesischen Behörden auf den Leichnam aufmerksam zu machen.“ Bernd Mansholt hatte gehofft, dass die polizeilichen Fotos vom Fundort vielleicht neue Erkenntnisse zu Rucksack und GoPro bringen würden, „aber dafür ist die Qualität leider viel zu schlecht“, sagt er.

Die fehlenden Organe

Das größte Rätsel im Fall Mike geben die fehlenden Organe auf. Während die deutschen Rechtsmediziner und auch die Oldenburger Staatsanwaltschaft davon ausgehen, dass die Organe noch vorhanden waren, als die Leiche gefunden wurde, behaupten die maltesischen Rechtsmediziner, Tiere hätten die Leiche angegriffen und die Organe gefressen. Im Obduktionsbericht aus Malta finden sich mehrere Hinweise auf mögliche Bisse von Ratten, „die in großer Anzahl vor Ort vorkommen“, wie es heißt.

Mikes Vater hält es nach wie vor für wahrscheinlicher, dass die maltesischen Gerichtsmediziner die Organe entweder in den Klippen oder später in der Leichenhalle entnommen und anschließend verschlampt haben. Auf Malta läuft seit Januar 2018 ein neues Ermittlungsverfahren, das diese Frage klären soll; ein Ergebnis steht noch aus. So oder so, Ermittler und Familie sind sich einig: „Todesursächlich war das nicht“.

Lesen Sie auch:
Wie starb der Oldenburger Mike Mansholt wirklich?, Artikel vom 23. November 2017 (nur für Abonnenten)
Fall Mike Mansholt wird zu den Akten gelegt, Artikel vom 31. Mai 2018

„Der Tod des jungen Mannes ist zweifelsohne tragisch, und ich möchte mir nicht ausmalen, was es für die Eltern bedeuten mag, womöglich nie verlässliche Antworten auf die sie bedrängenden Fragen nach den genauen Todesumständen, nach den letzten Stunden des Mike Mansholt bekommen zu können.“

Das schreibt mitfühlend der stellvertretende Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Thomas Sander. Er schreibt aber auch: „Die Möglichkeiten der Staatsanwaltschaft Oldenburg sind indes erschöpft.“

Bernd Mansholt, der Vater, spricht von einem „Abschluss“. Er ist schwer enttäuscht vom Verhalten der maltesischen Behörden – ohne Unterstützung der deutschen Staatsanwaltschaft und der NWZ würde er bis heute keine einzige Aktenseite in den Händen halten, davon ist er überzeugt. Er sei „erleichtert“, auch wenn er nicht alle Antworten kenne, „aber ich habe wenigstens alle Fragen gestellt“.

Er will jetzt in die Zukunft blicken, sagt er. Mit seiner Tochter Maria wird er noch einmal nach Malta fliegen, um eine neue Gedenktafel für Mike an den Dingli-Klippen anzubringen. „Aber ich werde nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, einen Rucksack zu suchen.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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