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Wenn der Sohn ein Terrorist ist

Lea Bernsmann

Oldenburg - Mütter? Wir werden ausradiert. Umriss für Umriss, Strich für Strich. Bis wir ganz gelöscht sind.

187 weiße Wäschestücke liegen auf der schwarzen Bühne des Theaterhofs 19. Die Toten. Die Opfer. Der Täter tanzt. Erst zaghaft, verspielt, dann wilder, voller Wut, Hass. Auch er ist nicht mehr unter den Lebenden. Übrig geblieben ist seine Mutter, deren Stimme, deren Trauer und Verzweiflung durch das einstündige Stück trägt. „Eine ganz normale Frau, die auch die Nachbarin von nebenan sein könnte“, sagt Regisseurin Frauke Allwardt. Unbedingt wollte sie das Werk aus der Feder von Tom Lanyone auf die Bühne bringen. 2015 hat der Belgier die Geschichte über Terror und Schuld, Trauer und Wut geschrieben.

„Gas“ ist der Monolog einer Mutter. Der Mutter eines Terroristen, der einen Giftgasanschlag in der U-Bahn verübt hat. 184 Tote. Der Dschihadist wird noch am Tatort von der Polizei erschossen. Die Mutter erzählt. Sie kann nicht begreifen. Das Grauen ist nicht fassbar. Aber gleichzeitig geht es um ihren Sohn, ihr einziges Kind. Sie erzählt von ihrem Leben als Alleinerziehende, erinnert sich an die Geburt, die Kindheit und Jugend, Talente und Eigenheiten ihres Sohnes, der ihr langsam abhanden kam. Sie will kein Verständnis, kein Mitleid, sie will begreifen.

Ein Täter mit Gesicht

Für Frauke Allwardt und Dieter Hinrichs, die sich gemeinsam dem schweren Thema angenommen haben, ging die Frage vorweg, wie ein junger Mensch, etwas so schreckliches tun kann. „Wie aus einem Menschen ein Monster wird“, sagt die Regisseurin und erzählt von den anonymen Bildern im Fernsehen, den Fotos der Attentäter, über deren Identität und Geschichte nicht gesprochen wird. In diesem Stück soll es genau darum gehen: der Täter bekommt ein Gesicht. Vorab haben die beiden Initiatoren des Theaterhofs 19 viel recherchiert. Immer wieder kamen dabei Fragen auf: Was für Menschen sind diese 900 jungen Deutschen, die nach Syrien gegangen sind, um an der Seite der IS zu kämpfen? „Das sind ja eigentlich intelligente Leute“, sagt Dieter Hinrichs. So brutal das Thema, so brillant die Sprache. Tom Lanyone versteht es, den Monolog der Mutter weder grausam noch wehleidig zu gestalten. „Eher ziemlich normal“, sagt Frauke Allwardt.

Marie-Luise Gunst ist für das Regie-Team die perfekte Besetzung. Die Berliner Schauspielerin und Sängerin fülle diese sehr intensive Rolle ideal aus. Unterstützt wird sie auf der Bühne von Johannes Walter. Ein Sohn kommt bislang in keiner anderen Inszenierung des Stückes vor. Weil Dieter Hinrichs aber das Bedürfnis der Zuschauer „mehr Bilder zu sehen“ nahe ist, entschied sich das Macher-Duo für ein Experiment: Der Täter spielt mit. Stumm. Tod. Tanzend.

Das junge Nürnberger Talent, für das sich die Oldenburger nach mehreren Castings entschieden haben, kommt aus dem Hip-Hop-Bereich. In einer kollektiv erarbeiteten Choreographie wird die langsame Verwandlung vom unschuldigen Kind, über den rebellischen Jugendlichen zum brutalen Täter dargestellt. Begleitend zu den Erinnerungen der Mutter erlebt der Zuschauer als Retrospektive das Heranwachsen des Mörders. Obschon der als Monolog gehaltene Text auch alleine durch das Stück trage, arbeiten Tanzeinlagen und sparsam eingesetzte Videosequenzen die Emotionen noch stärker heraus.

Reinwaschen misslingt

Wichtig für Regisseure und Darsteller war auch die Frage, in welchem Raum sich die Mutter bewegen soll. Während die Protagonistin in anderen Aufführungen als typische Hausfrau zwischen Heim und Herd agierte, hat sich das Oldenburger Team für eine Waschmaschine im Bühnenbild entschieden. Wieder und wieder spült, walkt, schleudert, trocknet die verurteilte Mutter Stoffstücke. Der bildliche Versuch des Reinwaschens jedoch misslingt. Natürlich.

Was am Ende bleibt, sind viele offene Fragen: Warum er und so viele andere nicht? Aber nicht nur die Mutter, auch das Publikum bleibt ohne Antworten zurück. Das sei auch nicht Aufgabe des Theaters, ist Dieter Hinrichs überzeugt. Er will mit dem Stück Hinterfragen – eine Gesellschaft, in der die Würde des Menschen angeblich unantastbar ist. „Reicht es aus, das Grundgesetz in der Schule an die Tafel zu schreiben?“, fragt er. Vielmehr müsse doch im Unterricht eine gelebte Ethik gelehrt werden. Es ginge nicht darum, Urteile zu fällen. Eine Meinung müsse sich der Zuschauer selbst bilden. Und zwar dann, wenn die Mutter, die Verurteilte, ihr Plädoyer beendet hat.

Sie machen einen Helden aus ihm oder ein Vieh. Barbar oder Märtyrer. Und so habe ich, seine Mutter, ihn zweimal verloren. Einmal als meinen Sohn. Einmal als meinen Toten. Bevor der Vorhang fällt geht die Protagonistin. Sie verlässt das Land, den Ort, an dem alles geschehen ist. Auf der Bühne bleiben 187 Wäschestücke. 187 Tote. Und viele Fragen.

 „Gas – Das Plädoyer einer verurteilten Mutter“ ist zum ersten Mal am Donnerstag, 22. November, im Theaterhof 19, an der Bahnhofstraße 19, zu sehen. Weitere Aufführungen sind am 23., 24., 30. November und 1. Dezember – jeweils ab 20 Uhr. Karten gibt es unter t  9 55 56 01 oder über

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