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NWZonline.de Region

Polizei überprüft weitere 200 Verdachtsfälle

23.02.2016

Delmenhorst /Oldenburg Als Krankenpfleger sollte er eigentlich Leben retten. Stattdessen wurde Niels Högel zum Mörder, Patienten zu seinen Opfern. Heimlich spritzte er den Kranken eine Überdosis eines Herzmedikaments. Wenn diese danach einen Kreislaufkollaps erlitten, belebte er sie wieder - einfach nur, weil er einen Kick im Krankenhaus-Alltag suchte. Viele Patienten überlebten das tödliche Spiel nicht. Vor einem Jahr (26. Februar) verurteilten Richter Niels Högel wegen fünf solcher Taten am Klinikum in Delmenhorst zu lebenslanger Haft.

Doch damit ist der Fall noch lange nicht komplett aufgeklärt, denn der heute 39-Jährige könnte für eine der größten Mordserien an Krankenhäusern in Deutschland verantwortlich sein. Eine Sonderkommission der Polizei überprüft immer noch mehr als 200 Verdachtsfälle an früheren Arbeitsstellen des Ex-Pflegers. Dass dieser sich erneut vor Gericht verantworten muss, gilt als sicher. Die Frage ist nur: wann?

Mehrmals gruben die Ermittler in den letzten Monaten auf Friedhöfen die Leichen von Patienten des Delmenhorster Klinikums aus, die während der Dienstzeit von Niels Högel dort starben. Das Ergebnis: Bei 21 von ihnen fanden Gerichtsmediziner Spuren des todbringenden Herzmedikaments. Die Exhumierungen werden die Soko voraussichtlich noch mehrere Monate beschäftigen. Wie viele Opfer werden noch entdeckt?

Spezial: Alles zum Krankenpfleger-Prozess

Diese bange Frage stellen sich die Familien vieler ehemaliger Patienten. Sie hoffen, nach Jahren endlich Gewissheit über das Schicksal ihrer Eltern oder Ehepartner zu bekommen.

Anwältin Gaby Lübben betreut etwa 40 Angehörige. Sie weiß, durch was für eine schwere Zeit sie gehen. Im Prozess gegen Niels Högel vor dem Landgericht in Oldenburg vertrat sie bereits die Nebenkläger als Anwältin. Diese könnten nach dem Urteil nun endlich abschließen, sagt sie. „Sie leben ruhiger und mit dem Gefühl, dass ihnen und den Verstorbenen ein Stück weit Gerechtigkeit widerfahren ist.“

Nebenklägerin im Prozess: Sie musste zwölf Jahre auf Antworten warten

Lange hatte der Angeklagte im Prozess geschwiegen, die meiste Zeit scheinbar ungerührt vor sich hingestarrt. Dann endlich sprach er über seine Motive. „Es war der klinische Alltag, der mich unterforderte“, begründet er damals seine Taten. Immer, wenn er jemanden reanimieren konnte, fühlte er sich wie ein Held, war zufrieden mit sich. Doch lange hielt das nie an. Es sei wie eine Art Sucht gewesen, erzählt er. „Das Ausmaß meiner Straftaten habe ich damals gar nicht realisiert.“

An die Gesichter seiner Opfer und wie viele es waren, daran kann sich Niels Högel nach eigenen Angaben nicht erinnern. Etwa 90 Mal will er Patienten eine Überdosis gespritzt haben. Bis zu 30 sollen gestorben sein. Allerdings will er Patienten nur in seiner Delmenhorster Zeit von 2003 bis 2005 geschadet haben. Daran zweifeln aber die Ermittler. Auch an seiner vorherigen Arbeitsstelle am Klinikum Oldenburg entdeckte ein Gutachter anhand von Krankenakten zwölf auffällige Todesfälle. Ob sich der Verdacht bestätigt, muss sich noch zeigen.

Hintergrund: Warum stoppte niemand Niels Högel?

Doch bereits in Oldenburg hatte man ein ungutes Gefühl. Erst wurde der Pfleger versetzt, später trennte man sich von ihm. In Delmenhorst dauerte es dann mehr als zwei Jahre, bis im Sommer 2005 eine Kollegin Niels Högel auf frischer Tat ertappte. Warnzeichen gab es aber schon lange vorher: Im Prozess berichten frühere Kollegen immer wieder, dass es auffällig oft Wiederbelebungen während der Schicht von Niels Högel gab. Der Verbrauch des Herzmedikaments stieg in seiner Zeit auf der Intensivstation sprunghaft, die Todesrate verdoppelte sich beinahe. Konsequenzen hatte das nicht.

Gegen acht seiner früheren Kollegen in Delmenhorst und Oldenburg ermittelt die Staatsanwaltschaft deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen. Hätte Niels Högel gestoppt werden können? Wie viele Menschen er am Ende getötet hat, wird die Polizei nicht mehr klären können. Viele Patienten sind nach ihrem Tod eingeäschert worden - ein Nachweis des Herzmedikaments ist deshalb unmöglich. Wichtig wäre die Gewissheit vor allem für die Angehörigen. Doch am späteren Strafmaß wird sich nichts ändern: In Deutschland gibt es nur einmal lebenslang.

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