Oldenburger Land - Zwei spektakuläre Zugunfälle halten die Region seit Donnerstag in Atem. Sowohl in Rethorn (Ganderkesee, Landkreis Oldenburg) als auch in Hemmelte (Kreis Cloppenburg) kollidierten Züge der Nordwest-Bahn mit Lastwagen an Bahnübergängen – zehn Menschen wurden dabei verletzt.

Während jetzt Stimmen laut werden, die Sicherheitsvorkehrungen an Bahnübergängen zu überprüfen, fordert der Fahrgastverband Pro Bahn im NWZ -Gespräch eine bessere Ausbildung der Berufskraftfahrer.

„In 99 Prozent aller Fälle ist der Kraftfahrer Schuld“, sagt Pro Bahn Landeschef Björn Gryschka. Er fordert, dass Berufskraftfahrer deswegen entsprechend nachgeschult werden. „Beim Parken an einer abschüssigen Straße weiß ich doch, dass ich das Lenkrad einschlagen muss, damit die Räder blockieren“, sagt er mit Blick auf das Unglück von Ganderkesee. Dort war ein Triebwagen der Nordwest-Bahn mit einem Sattelzug kollidiert. Zuvor war der abgestellte Lastwagen auf einer leicht abschüssigen Straße ins Rollen geraten und auf dem Bahnübergang zum Stehen gekommen.

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Auch der Unfall im Landkreis Cloppenburg gehe auf das Konto des Kraftfahrers, so Gryschka. Dort hatte ein 71-Jähriger mit seinem Gespann auf den Gleisen gewartet, bis er eine unmittelbar hinter den Schranken gelegene Einfahrt passieren konnte. „Wir sind hier in Mitteluropa, da fasst man sich manchmal an den Kopf“, sagt Gryschka. Er habe schon von einem Fall gehört, bei dem ein Kraftfahrer eine Abkürzung zum Betriebsgelände über die Schienen genommen hatte. „Hinterher hat er sich gewundert, dass der Lkw auf den Schienen feststeckte“, sagt Gryschka. Tempolimits für Züge, grundsätzliche Video- und Radarüberwachungen von Bahnübergängen hält Gryschka nicht für zielführend. „Der Schienenverkehr darf nicht für die Fehler anderer bestraft werden“, sagt Fahrgast-Sprecher Gryschka.

„Ich bin entsetzt“, entgegnet Hajo Agena, Geschäftsführer des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN). Die pauschale Forderung nach besserer Ausbildung von Berufskraftfahrern hält Agena für „aberwitzig und an den Haaren herbeigezogen.“ Nie zuvor seien Berufskraftfahrer derart gut ausgebildet gewesen wie heute. „Von Pro Bahn habe ich aber nichts anderes erwartet, ich bin enttäuscht“, so Agena im NWZ -Gespräch.

Doch wie können Bahnübergänge noch sicherer gemacht werden? Die Frage nach Videoüberwachung von Bahnübergängen hält Bahn-Sprecherin Sabine Brunkhorst für „Spinnerei“. Sie wisse nicht, „ob es sinnvoll ist, tausende Bahnübergänge zu überwachen“. Es gebe zudem Sicherheitssysteme, die jetzt schon den Zugverkehr sicher machen würden. Insgesamt seien die Unfallzahlen rückläufig. Seit 2010 sind sie bundesweit von 225 auf 150 im Jahr 2013 gesunken. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

„Wir haben unseren Fahrern gesagt, dass sie mögliche Gefahrenstellen melden sollen“, sagt Nordwest-Bahn-Sprecherin Stephanie Nölke.