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Feuer Schüler ziehen in mobile Klassenzimmer

Manfred Stolle

Wittmund/Jever - Die Wittmunder können nicht begreifen, dass seit elf Monaten immer wieder Großbrände mit Millionenschäden in der Stadt ausbrechen. Zunächst wurde im August 2012 der Euronics-Elektromarkt im Gewerbegebiet durch ein Feuer zerstört. Er wurde wieder aufgebaut, öffnete im Dezember und brannte Anfang Juni ein zweites Mal ab. Zwischenzeitlich wurde im März ein Geschäftshaus an der Esenser Straße vernichtet. Filialen der Textilkette Kik, des Schuh-Discounters Deichmann, ein Fotoladen und ein China-Restaurant wurden ein Raub der Flammen. Glück im Unglück hatte Deichmann. Dank der Schlecker-Pleite gab es in der Wittmunder Innenstadt einen leer stehenden Laden, in dem nun Schuhe verkauft werden.

Am Freitag schließlich wurde ein großer Teil der Alexander-von-Humboldt-Schule, wie die KGS heißt, durch ein Feuer zerstört. Der Sachschaden wird alleine bei diesem Brand auf acht Millionen Euro geschätzt. Bei Euronics und Deichmann waren jeweils 150 bis 160 Feuerwehrleute im Einsatz, beim Brand der KGS waren es 300.

Stephan Zwerg, Leiter des Polizeikommissariats Wittmund, rechnet sogar sieben Brände vor. Er listet weitere Unglücke in Friedeburg, Burhafe und in einen Dachstuhlbrand in Wittmund in einem Wohnhaus mit auf. Das Besondere der Wittmunder Serie ist: Es gibt keinen Feuerteufel, der die Brände legt.

Feuerwehr gefordert

Ursache der Euronics-Brände waren technische Defekte. Im Geschäftshaus an der Esenser Straße hatte der Betreiber des China-Restaurants in einer Wok-Pfanne Fett erhitzt. Es geriet in Brand und verursachte über die Dunstabzugshaube ein Feuer in der Zwischendecke des Gebäudes. Das Restaurant wurde vollständig zerstört, das Inventar von Kik und Deichmann sowie des Fotoladens durch Löschwasser und Ruß vernichtet. Seither wird die Brandruine mit einem Bauzaun abgesichert.

„Es ist erschreckend und angsteinflößend, was hier passiert“, sagte Heinz-Peter Cremer am Montag. Er arbeitete für ein Wittmunder Tiefbauunternehmen an einem Kreisel vor dem Euronics-Markt, der hinter ihm gerade zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate wieder aufgebaut wird. „Man hat ja auch selbst ein Haus und sorgt sich“, setzte er hinzu. Es sei schon vorgekommen, dass er auf dem Weg zur Arbeit sein Auto umgedreht habe, um nachzuschauen, ob er auch wirklich die Kaffeemaschine ausgestellt habe. „Man weiß ja nicht, was passieren kann“, so Cremer.

„So etwas haben wir noch nicht gehabt. Das gibt es in ganz Niedersachsen nicht noch einmal“, sagte ein Vertreter der Feuerwehr. Er und seine Kameraden haben seit Freitag maximal zehn Stunden Schlaf bekommen. Immer wieder musste die Feuerwehr zur KGS ausrücken, weil sich dort wieder Glutnester gebildet hatten. Das war auch am Montag noch so. „Die zum Löschen benötigten Wassermengen waren am Freitag ein Problem“, so der Feuerwehrmann. Ohne die Löschfahrzeuge der Flughafenfeuerwehr des Jagdgeschwaders 71 „Richthofen“ hätte man seinen Angaben nach den Brand in der KGS nicht so schnell unter Kontrolle bringen können. Ein Fahrzeug der Flieger fasst 6000 Liter Wasser. Die Flughafenwehr hatte auch bei den anderen Großbränden, zuletzt im Juni bei Euronics, ausgeholfen. „Für die Menge Wasser, die ein Fahrzeug von denen bunkern kann, brauche ich vier Feuerwehren.“

Krisenstab optimistisch

Zur gleichen Zeit wie in der Alexander-von-Humboldt-Schule in Wittmund gab es am Freitag einen Brand in Friedeburg. Da die Drehleitern aus Wittmund, Jever und Aurich bereits bei der KGS benötigt wurden, half die Wiesmoorer Feuerwehr in Friedeburg aus. Überhaupt, so die Feuerwehrkräfte, habe das Zusammenspiel von Feuerwehren, Polizei und Rettungsdiensten „hervorragend geklappt“. Auch die Zusammenarbeit mit den Feuerwehren aus Esens und Aurich sei vorbildlich gewesen.

„Wenn es um Großschäden geht, funktioniert es auch“, hatte der Wittmunder Bürgermeister Rolf Claußen (CDU) bereits am Sonnabend beim Besuch der niedersächsischen Kultusministern Frauke Heiligenstadt (SPD) gesagt. „Ich habe den Eindruck, dass hier viele Menschen zusammenstehen“, antwortete der Gast aus Hannover.

Das war auch am Montag bei der KGS so. Der Krisenstab des Landkreises Wittmund traf sich unter Führung des Ersten Kreisrates Hans Hinrichs mit Vertretern der Versicherungen und der Schulbehörde sowie Sachverständigen in der weitgehend zerstörten Schule. „Drei Gebäudeteile blieben stehen. Eine Sanierung ist möglich“, sagte Hinrichs anschließend erleichtert.

Überhaupt nicht betroffen seien die Fünft- und Sechstklässler. Sie würden in dem rund 150 Meter entfernt stehenden ehemaligen Orientierungsstufengebäude unterrichtet. Für die anderen Schüler sollen mobile Klassenzimmer angemietet werden. „Das ist die erste Aufgabe, die jetzt angegangen wird“, sagte der Erste Kreisrat. Fest stehe, dass alle Kinder und Jugendlichen in Wittmund unterrichtet und nicht einige für eine Übergangszeit in andere Schulen, beispielsweise in Jever, sollten.

Ein Feuerwehrmann brachte am Montag die Gefühle vieler Wittmunder auf den Punkt: „Das Komische bei der Sache ist, dass kein Brand willkürlich verursacht wurde.“

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