Ritterhude - Ein lebensgefährlich Verletzter und 40 beschädigte Wohnhäuser: Das ist die erste Bilanz der schweren Explosion in einer Entsorgungsfirma in Ritterhude vor den Toren Bremens, die Rätsel aufgibt. Am Mittwochmittag kämpfte die Feuerwehr gegen letzte Glutnester in den Trümmern der Brandruine. Nach der viele Kilometer weit hallenden Detonation und dem anschließenden Großfeuer war ein Mitarbeiter mit schweren Verbrennungen geborgen worden. Die Ursachensuche soll laut Polizei beginnen, sobald der Brand in der auf Abfallentsorgung spezialisierten Fabrik endgültig gelöscht ist.
Die Druckwelle der Explosion hatte am Dienstagabend zwischen 30 und 40 Häuser eines angrenzenden Wohngebietes so stark beschädigt, dass sie vorläufig evakuiert wurden. Sechs Wohnhäuser sind laut Feuerwehr unbewohnbar. Zwei Anwohner erlitten Knochenbrüche, ein Feuerwehrmann wurde leicht verletzt. Mehrere Anwohner aus einsturzgefährdeten Gebäuden nahe der Fabrik fanden Unterkunft bei Freunden oder Verwandten.
Die Druckwelle war viele Kilometer weiter sogar bis nach Delmenhorst deutlich zu spüren. „Ich habe einen dumpfen Knall gehört“, bestätigt Marco Schade von der Delmenhorster Polizei auf Anfrage von NWZonline. Scheiben sollen gewackelt haben, eine Alarmanlage löste aus. „Das war im ganzen Stadtgebiet wohl so“, fasst Schade die Anrufe zusammen, die am Abend bei der Polizei eingegangen sind. Von Schäden ist allerdings nichts bekannt.
Für die Betroffenen in Ritterhude gibt es laut Bürgermeisterin Susanne Geils (SPD) eine „Welle der Hilfsbereitschaft“: „Es gab unglaublich viele Menschen, die Unterkünfte angeboten haben - wir haben lange Adressenlisten.“ Geils schloss nicht aus, dass es in einigen Fällen mehrere Monate dauern kann, bis die Anwohner in ihre beschädigten Gebäude zurückkehren können. „Wir sondieren gerade, wie groß das Ausmaß der Schäden ist.“
Ein Großaufgebot mit 200 Feuerwehrleuten und 150 weiteren Helfern war am südlichen Rand Ritterhudes im Einsatz. Die Hitzeentwicklung war anfangs so stark, dass die Feuerwehren nur mit viel Abstand über Drehleitern löschten. Erst später konnte die Vermisstensuche starten.
Retter zogen einen Mann aus den Trümmern der Brandruine. „Er hat schwerste Verbrennungen und war nicht ansprechbar“, sagte Polizeisprecher Marcus Neumann. Ein Hubschrauber brachte den Mann in eine Klinik. Ob es sich bei ihm um einen anfangs vermissten Mitarbeiter der Fabrik handelte, blieb zunächst ungewiss – konnte am Mittwochmorgen dann aber bestätigt werden.
„Es handelt sich um den schwer verletzten Mann, der vor der Explosion das Gelände betreten hatte“, sagte der zuständige Polizeisprecher Marcus Neumann. Der 60-Jährige stammt nach Angaben der Polizei aus Osterholz-Scharmbeck. Er wollte demnach in dem Unternehmen einen Kontrollgang machen, weil ihm sein Bereitschaftspieper einen technischen Fehler meldete. Die Retter entdeckten nur noch sein Auto vor dem Gebäude und vermuteten, dass der Mitarbeiter noch vor der Detonation in die Fabrik gegangen sein könnte, um dort zu kontrollieren. Über sein Mobiltelefon war der Mann stundenlang nicht zu erreichen.
Polizeisprecher Neumann berichtete, dass neben dem zunächst vermissten Mitarbeiter auch noch ein zweiter Kollege losfuhr, der jedoch erst später angekommen sei – und dem daher auch nichts passierte.
Der Zustand des schwerverletzten Mannes sei angesichts seiner Brandverletzungen dritten Grades weiter besorgniserregend.
Zur möglichen Unglücksursache war zunächst nichts bekannt. Das Unternehmen kümmert sich laut eigener Beschreibung unter anderem um die „Verwertung und Entsorgung besonders überwachungsbedürftiger Abfälle“, darunter „flüssige Sonderabfälle“. Nach Angaben der Feuerwehr ergaben Schadstoffmessungen der Luft, dass der Brand keine Gesundheitsgefahr für die Anwohner brachte. Die Konzentrationen seien nicht besorgniserregend hoch.
Der nach der Explosion zwischen Bremen-Burg und Osterholz-Scharmbeck unterbrochene regionale Bahnverkehr rollte am Mittwoch wieder, Reisende mussten aber noch mit Verspätungen rechnen.
