Sedelsberg - Ein freundlicher Empfang ist das nicht gerade, den Paul den Besuchern bereitet. Kein Wunder, Paul sieht es als seine Aufgabe an, das Anwesen vor Unbill zu bewahren, und man weiß ja nicht, wer da gerade gekommen ist. Paul ist ein etwa zweijähriger heller Labrador-Mischling mit beeindruckenden Maßen: deutlich über 60 Zentimeter Schulterhöhe, muskelbepackt, rund 45 Kilogramm schwer und gerade mit ziemlich schlechter Laune im Hundezwinger unterwegs. Er wartet im Tierheim in Sedelsberg (Kreis Cloppenburg) ebenso wie fünf weitere Artgenossen darauf, dass irgendjemand kommt und ihm eine Aufgabe und Geborgenheit bietet.
Traumatisches erlebt
Wie die meisten Insassen des Tierheims hat Paul Traumatisches erlebt. Als sechsmonatiger Welpe hat ihn irgendjemand draußen im Saterländer Moor bei Scharrel angebunden und zurückgelassen. Wie lange der damals noch kleine Kerl da von Gott und der Welt verlassen gezittert hat, ehe er gefunden wurde, weiß man nicht. Sein Trauma ist zugleich seine Hypothek, ein neues Herrchen oder Frauchen zu finden. Denn viel Hundeerfahrung ist die Voraussetzung, Paul übernehmen zu dürfen. Er braucht eine konsequente Erziehung und sehr viel Zuwendung, um das Erlebte ganz zu vergessen.
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Ähnlich wie Paul ist es auch Lotta ergangen, einer eindrucksvollen Kangal-Hündin, die jemand im Jahr 2011 in Varrelbusch ausgesetzt und sich selbst überlassen hat. Eine Mitarbeiterin einer Tierarztpraxis fand den Mut, das Tier einzufangen und ins Tierheim zu bringen. Seither lebt sie im Tierheim, ihre Vermittlung ist schwierig, denn schon Kangals ohne Traumata sind keine leicht zu führenden Hunde. Auch Anita, eine ältere Schäferhündin, hat Ähnliches erlebt. Sie wurde in Wardenburg ausgesetzt. Die neun bis zehn Jahre alte Hundedame ist trotz ihres liebenswürdigen Charakters wegen ihres Alters nur schwer vermittelbar. Die Liste ließe sich weiter fortführen, denn immer wieder landen Hunde im Tierheim, die entweder unter üblen Bedingungen gehalten oder einfach ausgesetzt wurden, berichtet Tierheim-Leiterin Rita Schulte.
Mehr als 60 Katzen
Es sind aber nicht die Hunde, die ihr die größten Probleme bereiten. Mittlerweile mehr als 60 Katzen beherbergt das Tierheim derzeit und ist damit an seinen Kapazitätsgrenzen angelangt. Alle werden bei der Aufnahme zunächst intensiv tiermedizinisch betreut. Sie erhalten Wurmkuren, Pilzbehandlungen, werden kastriert und gechippt, ehe sie in Einzel- und Massenunterkünfte auf dem ehemaligen Resthof, der an der Friesoythe Straße zum Tierheim umgebaut wurde, entlassen werden.
Träger des einzigen Tierheims im gesamten Landkreis Cloppenburg ist der Tierschutzverein Friesoythe. Er bezahlt über Spenden und Zuschüsse des Landkreises sowie der Städte und Gemeinden im Kreis die sechs Mitarbeiterinnen und den Hausmeister, der sich um das Haus und das Gelände kümmert. Die stellvertretende Vereinsvorsitzende Elke Striowsky ist froh, dass das Veterinäramt im Kreis das Tierheim nach Kräften unterstützt.
Und trotzdem ist es letztlich nicht viel mehr als eine Mangelverwaltung. Futter für die Tiere, die medizinische Versorgung und die Bezahlung des Personals sind mit den vorhandenen Einnahmen kaum zu stemmen. Mit zahlreichen Aktionen und Tagen der offenen Tür oder auch Veranstaltungen wie dem „tierischen Advent“ am jetzt zurückliegenden Wochenende versuchen der Tierschutzverein und die Tierheim-Crew ständig, Interesse für die Tiere zu wecken und Spenden einzuwerben. „Sonst wäre es noch prekärer“, sagt Leiterin Rita Schulte. Denn schon jetzt muss das Tierheim immer wieder gesunde Katzen abweisen, die Finder abgeben wollen. Die werden dann irgendwo ausgesetzt und schlagen sich, wenn es für sie glücklich läuft, als verwilderte Hauskatzen durchs Leben. Und sie sind damit Freiwild für Jäger.
Im Grunde sind das Gelände und die Bauweise des Resthofs nur bedingt für die Aufgaben eines Tierheims geeignet. Aber man arrangiert sich halt und macht des Beste daraus. Das erfordert viel Enthusiasmus. „Oft auf die Uhr schauen darf man hier auch nicht, und bedingungslose Tierliebe ist das wesentliche Einstellungskriterium, sonst steht man das nicht durch“, lobt die Tierheim-Leiterin ihr hochmotiviertes Personal. Und das träumt dann gerade zu Weihnachten auch schon mal von einem großzügigen Neubau, für den das Christkind vielleicht irgendwann einmal den potenten Sponsor findet.
