STENUM/HARPSTEDT - In der NWZ war es eine Unfallmeldungen von vielen. „Auto gegen Baum: Fahrer schwer verletzt“ stand über den 26 Zeilen (siehe Ausriss). Die Geschichte dahinter ist allerdings deutlich mehr Platz wert. Handelt sie doch von selbstlosem Einsatz und der Hilfe für einen Schwerverletzten, dessen Schicksal ansonsten noch weitaus schlimmer hätte aussehen können. Malte Kasch, ein 27-Jähriger aus Harpstedt, war nicht vorbeigefahren, sondern hatte angehalten und alles für eine schnelle Rettung getan.
Zu schnell unterwegs
Es war am 4. Juni 2009, als Thomas Schlüter ein Anruf seines Vaters erhielt, der mit einem Platten an seinem Elektrofahrrad an der Harmenhauser Straße liegengeblieben war. Verärgert über die nicht erste Panne setzte sich der Wirt von „Lüschens Bauerndiele“ mittags ins Auto, um seinen Vater abzuholen. Dabei sei er zu schnell gewesen, räumt er ein. 80, 90 Stundenkilometer seien es wohl gewesen. Zu viel für die wellige Harmenhauser Straße. „Das Auto sprang wie ein Känguru“, meint Schlüter heute, der die Kontrolle verlor und gegen einen Baum prallte.
Schwer verletzt, die Ärzte diagnostizierten einen vierfachen Trümmerbruch des Unterschenkels und der Kniescheibe, rief der eingeklemmte Schlüter auf der parallel zur B 212 verlaufenden Straße nach Hilfe. „Nach ein paar Minuten habe ich mich gefragt: Wen rufst du eigentlich, Kühe oder Kälber?“ Erste Gedanken wie „hier verreckst du“ seien ihm in den Sinn gekommen, so Schlüter.
Doch dagegen hatte Malte Kasch etwas. Mit seiner Freundin Astrid Behnken (27) auf der B 212 Richtung Norden unterwegs, sah er das verunfallte Fahrzeug. Vielleicht war es der geschulte Blick des Berufsfeuerwehrmanns, wie Polizeihauptkommissar Gerold Lucht vermutet, der den Unfall aufgenommen hatte. Auf jeden Fall hat Kasch gedreht.
Warum er das getan habe? „Helfen kann man auf jeden Fall“, meint der 27-Jährige. „Wenn man nur einen Notruf absetzt.“ Schließlich könne jeder in eine solche Situation kommen. „Es reißt sich keiner ein Bein aus, wenn er einen Blick wirft und Polizei oder Rettungsdienst alarmiert.“
Qualm bereitet Sorgen
Doch Kasch hat mehr getan: Er hat Schlüter angesprochen, Hilfe gerufen und das schmerzende Bein befreit – in dem Fahrzeug, das in den Graben zu rutschen drohte. „Mehr Sorgen hat mir allerdings das qualmende Auto gemacht“, berichtet Kasch. Er schickte seine Freundin an die Bundesstraße, um einen Feuerlöscher aufzutreiben. Doch kein Auto hielt. Das sei sehr frustrierend gewesen, so die 27-Jährige. „Einige haben nicht mal das Tempo reduziert und mich fast überfahren.“
Ein Verhalten, das Polizist Lucht, der dieses Jahr schon 42 Unfälle aufgenommen hat, verurteilt, das er aber immer öfter beobachtet: „Jeder befindet sich nur noch im Überlebenskampf. Die soziale Verzahnung wird gar nicht mehr wahrgenommen.“ Gleichgültigkeit? Vielleicht – „und eine gewisse Berührungsangst.“ Die allerdings müsse niemand haben.
Rettung brachte seinerzeit erst ein Landwirt, der mit Wasser auf dem Weg zur Weide war. „Es hätte auch Gülle sein können“, meint Schlüter, „ich wollte nicht verbrennen.“ Dann kamen Rettungsdienst und Feuerwehr.
Am Sonntag hat Schlüter, der fünf Wochen im Krankenhaus gelegen hat, sich bei seinen Rettern mit einem Frühstück bedankt. Und der Wirt sieht das Positive im Unglück: „Ich habe nette Menschen kennen gelernt.“
