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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Strandgut mit Sprengkraft

02.10.2013

Wangerooge /Oldenburg Ein paar Andenken hat er behalten, sie stehen in seinem Büro an der Hamburger Süderelbe in einem Glasschrank: die russische Panzermine, die italienische Tretmine, der französische Zünder. Und die jugoslawische Springmine natürlich, „die erste Mine, die ich selbst entschärft habe“, sagt Jan Kölbel. Das war 1996 auf dem Balkan, damals war er noch an Land.

Jetzt arbeitet Kölbel, 45 Jahre alt, im Wasser; man braucht ihn dort immer öfter.

Jan Kölbel, zunächst Jurist, dann Sprengmeister, räumt Bomben vom Meeresgrund. Zuletzt schuf er in der Osterems Platz für das Stromkabel zum Windpark Riffgat; 30 Tonnen Munition lagen dort im Weg. Und ja, auch im Wattenmeer kann man Andenken sammeln: „Den Torpedo neulich, den hätte ich gern bei uns ins Foyer gestellt“, sagt Kölbel. „Aber der hat’s nicht geschafft: Den mussten wir sprengen, da blieb nicht viel übrig.“

Explosiver Jahrgang

In Zimmer 12 der Gemeindeverwaltung Wangerooge sagt Dirk Lindner: „Einen Moment!“, dann taucht er hinter einem Aktenschrank mit Heiratsurkunden ab. Lindner leitet das Standesamt, das Meldeamt und das Ordnungsamt, und als er wieder auftaucht, bringt er ein rostbraunes Andenken aus dem Ordnungsamt mit. „Das stammt von der Fünf-Zentner-Bombe, die wir letztes Jahr gefunden haben“, erklärt er. Das also bleibt übrig nach einer Sprengung: ein schmutziger Metallstreifen.

Lindner lächelt: 2012 war ein äußerst explosiver Jahrgang, „da hatte ich gleich drei große Sprengungen“. Den üblichen Kleinkram hatte er ja sowieso: Zünder, Patronen, Handgranaten, rund 40 offizielle Funde waren es 2012. Lindner, 51, ist seit 30 Jahren auf der Insel und sagt: „Da hat man schon alles gesehen“, sagt er. Zum Beispiel diese Ankertaumine: „Ich gehe an den Strand, und da liegt sie, kugelrund und stachelig – wie man es aus dem Kino kennt.“

Und dann?

„Dann sperren wir den Bereich ab und nehmen Kontakt zum Kampfmittelbeseitigungsdienst auf.“ Lindner zuckt ein bisschen gelangweilt die Schultern: Inselalltag.

Hinter dem Rathaus rollen die Männer von der Firma KMB Kampfmittelbergung gerade einen Magnetometer über den alten Minigolfplatz; dort soll bald ein Hotel gebaut werden. Der Magnetometer spürt Metall auf. „Ohne Sondierung bauen wir hier nichts“, erklärt Lindner. Sein Problem sind aber nicht die Blindgänger, die im Krieg vom Himmel auf die Insel fielen – „ärgerlicher ist das, was heute aus dem Meer kommt“.

Wintersemester 2012/13: Professor Dr. Gerd Liebezeit, Jahrgang 1948, hält im Oldenburger Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) eine Vorlesung. Sein Thema: „Kampfstoffe und Kampfmittel“.

Liebezeit nennt den Studenten Zahlen: Bis zu 1,3 Millionen Tonnen konventionelle Munition liegen auf dem Nordseegrund, außerdem mindestens 90 Tonnen chemische Kampfstoffe. Ein Teil davon gelangte während des Krieges bei Kriegshandlungen ins Meer. Ein größerer Teil wurde nach Kriegsende im Wasser versenkt – nach der Parole: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Aber manchmal taucht die Munition wieder auf, zum Beispiel auf Wangerooge. Oder sie liegt im Weg, so wie bei der Riffgat-Trasse.

Man kann dann natürlich die Munitionsräumer rufen, zum Beispiel Hans Warfsmann aus Oldenburg. Mit seiner Firma KMB ist der 53-Jährige sowieso alle zwei Wochen auf Wangerooge, um nach Sprengkörpern zu suchen, „zu zweit gehen wir den Strand ab“. Bezahlt wird er vom Land.

Oder eben Jan Kölbel aus Hamburg, der das Wasser absucht. Der Technische Direktor der Heinrich Hirdes EOD Services GmbH kommt mit sieben Schiffe, drei Robotern und 80 Leuten, der Tagessatz liegt im fünfstelligen Bereich. Bei Riffgat musste der Netzbetreiber Tennet zahlen, der das Stromkabel verlegen will.

Auch Kölbel setzt zunächst Sonden ein, dann schickt er Tauchroboter nach unten. Mit acht Antriebspropellern arbeiten sie sich zum Fundort vor. Eine Saugpumpe legt die Bombe frei, Greifarme packen sie. Einmal finden sie nacheinander 30 Sieben-Zentner-Granaten. Ein anderes Mal komplette Kisten mit 7000 Patronen. „Die hätte man laden und abfeuern können“, sagt Kölbel.

Einige Bomben sind so instabil, dass Kölbel sie auf einer Sandbank sprengen lässt. Den Rest übergibt er dem Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen zur Vernichtung an Land. Nach 18 Monaten ist ein 20 Meter breiter Streifen für das Kabel frei. „Aber in zwei Jahren wird er wieder voll sein“, sagt Kölbel, „da liegt so viel Zeug links und rechts.“

Still und starr ruht die See? Von wegen: Das Wattenmeer ist die „Königsklasse“ für die Munitionsräumer, behauptet Kölbel. Schwierigste Sichtverhältnisse, extreme Strömungsgeschwindigkeiten. „Wir haben dort Sandbewegungen von 200 Metern gemessen“, sagt er.

In seiner Vorlesung zeigt ICBM-Professor Liebezeit den Studenten Seekarten. Eingezeichnet sind die Stellen, wo Munition versenkt wurde. Problemzonen wie die vor Wangerooge oder die Osterems sind bekannt. Aber die Karten sind nicht vollständig. Und sie sind nicht aktuell. Nicht jeder Kapitän hat die Munition dort versenkt, wo er sollte. Fischer haben Munition aus dem Meer geholt und an anderer Stelle wieder hineingeworfen. Schleppnetze haben Munition mit sich gezogen und über den Meeresgrund verteilt. Und dann ist da ja auch noch die Strömung.

Unvollständige Karten

„Hier!“ Auf Wangerooge legt Dirk Lindner eine Mappe auf den Ordnungsamtschreibtisch, „EDV-Sondierung Sandentnahmestelle“ steht auf dem Deckel. Jedes Jahr muss die Gemeinde nach den Stürmen Sand aufschütten am Strand. Jedes Jahr holt sie den Sand aus dem Osten der Insel. Jedes Jahr muss sie das Gelände vorher auf Munition untersuchen lassen. Jedes Jahr finden die Kampfmittelräumer neue Munition. Das kostet die Gemeinde jährlich 4000 Euro.

Lindner läuft die Promenade hinunter zur Halle hinter dem Schwimmbad. Dort lagern Strandkörbe, Badewagen, ein Karussell – und Munitionskisten, Wassersäcke, Zündkabel. „Wir sind vorbereitet“, sagt Lindner, „die Kampfmittelräumer müssen nichts mitschleppen.“ Inselalltag: Das sind eben auch Hans Warfsmann und Kollege Benjamin Baumgart mit ihren orangen KBM-Westen.

In der Uni nennt Professor Liebezeit noch mehr Zahlen aus der Forschung: 581 Munitionsunfälle gab es demnach an Nord- und Ostsee seit 1945, davon 283 Todesfälle.

Auf Wangerooge gab es zwei Todesfälle, weiß Lindner aus den Akten: Ende der 60er-Jahre starben zwei Kampfmittelräumer bei der Entschärfung eines Blindgängers.

Was also muss geschehen?

In Hamburg lächelt Jan Kölbel. „Am besten wäre natürlich, man würde alle Munition vom Meeresgrund räumen – ich verdiene ja mein Geld damit.“ Dann wird er ernst und sagt: „Aber das ist finanziell nicht darstellbar.“ Sein Vorschlag: „Wir brauchen erst mal eine Bestandsaufnahme.“

Regelmäßig nachgucken

Das sieht auch Professor Liebezeit so. Er warnt zudem vor den ökologischen Folgen durch Sprengungen im Wattenmeer; Schweinswale, Seehunde und Kegelrobben könnten belastet werden. Auch könnte korrodierte Munition bei der Bergung auseinanderfallen und Kampfmittel freisetzen. Er empfiehlt deshalb: „Am besten alles liegenlassen und regelmäßig auf Veränderungen untersuchen.“

Die größte Gefahr, so Liebezeit, geht von Munition aus, die an Land gespült wird. Eine drohende Umweltbelastung durch freigesetzte Kampfmittel oder Kampfstoffe befürchtet er derzeit nicht. Trotzdem warnt er: „Ohne weitere Kenntnis der aktuellen Situation zu behaupten, von der Munition ginge keine Gefahr aus, ist leichtfertig.“

Er sagt das in Richtung Umweltministerium. In Hannover sieht man nämlich keinen Handlungsbedarf. Lediglich bei „besonderem Gefährdungspotenzial“ wie bei der Riffgat-Trasse sei eine Beseitigung von Munition nötig, teilt eine Sprecherin mit.

Derzeit laufen Genehmigungsverfahren für rund 100 Offshore-Windparks. Sprengmeister Jan Kölbel hat gute Chancen, doch noch einen passenden Torpedo für sein Foyer zu finden.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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