Cuxhaven/Brake/Wangerooge - Knapp zwei Tage nach der Havarie des Düngemittel-Frachters „Purple Beach“ scheint sich die Lage in der Deutschen Bucht etwas zu beruhigen. „Der Einsatz von Wasserkanonen hat Wirkung gezeigt“, sagte der Sprecher des Havariekommandos, Michael Friedrich, am Mittwochnachmittag. Die aus dem Schiff aufsteigende Gas- und Rauchwolke sei deutlich reduziert worden. Auch die Gefahr einer Explosion bestünde nicht mehr. „Nach Gesprächen mit dem Düngemittelhersteller und mehreren Experten kann das ausgeschlossen werden“, sagte Friedrich.
Bis auf Weiteres kühlen Spezialisten vom Hochseeschlepper „Nordic“ und vom Mehrzweckschiff „Neuwerk“ aus die Decks und Bordwände der „Purple Beach“ mit großen Mengen Wasser. Sie fahren bis auf 50 Meter an den Havaristen heran. Wie das Havariekommando mitteilte, sei es vier Einsatzkräften am frühen Abend gelungen, für einige Zeit den Frachter zu betreten. Nahe des rauchenden Laderaumes positionierten sie drei Schläuche, über die nun Seewasser in den Havaristen gepumpt wird.
Was sich in dem Laderaum genau ereignet hat, ist noch unklar. Man könne nicht sagen, ob es sich um ein Feuer oder eine chemische Reaktion der geladenen Düngemittel handelt.
Die riesigen Rauchschwaden waren kilometerweit weg noch gut zu sehen: 30 Kilometer westlich von Helgoland auf der Nordsee war der Frachter in Not geraten. Die Besatzung musste das Schiff verlassen, weil die Lage zu gefährlich wurde. Die 36 Besatzungsmitglieder waren vorsorglich in Krankenhäuser ausgeflogen worden. Mittlerweile konnte alle die Kliniken verlassen.
Auf Weg nach Brake
Das Havariekommando in Cuxhaven hat wie immer in solchen Fällen die Koordination des Einsatzes übernommen. „Es ist nicht klar, was in dem Laderaum passiert“, sagte Kommando-Sprecher Michael Friedrich. Im Laufe des Tages wurde immerhin klar, was der Frachter geladen hat: 6000 Tonnen Dünger.
Die „Purple Beach“, ein 192 Meter langer Frachter, war auf dem Weg nach Brake (Kreis Wesermarsch). Im Spezialhafen sollte der Frachter Stahlteile laden. Die liegen jetzt noch immer dort. Für den Terminalbetreiber, die J. Müller AG, bedeutet das keinen großen wirtschaftlichen Schaden. „Ein anderes Schiff des Reeders kommt und nimmt die Fracht mit“, sagte Vorstandsvorsitzender Jan Müller. Für den Fall, dass das Feuer nur wenig später beim Aufenthalt in Brake ausgebrochen wäre, sei der Hafen gewappnet. „Wir haben sehr hohe Sicherheitsstandards“, sagt Müller. Und wenn wirklich etwas passiert, dann greifen mit dem Land Niedersachsen vereinbarte Notfallpläne.
So wie jedes Schiffsunglück, so könnte auch dieses eine Umweltkatastrophe nach sich ziehen. Als Konsequenz aus der katastrophalen Havarie des Holzfrachters „Pallas“ war das Havariekommando gegründet worden. Vor Amrum hatte die „Pallas“ 1998 brennend auf der Nordsee getrieben, schließlich strandete sie im flachen Wasser. Unklare Zuständigkeiten begünstigten das Unglück, deswegen arbeiten nun im Maritimen Lagezentrum des Havariekommandos erfahrene Nautiker rund um die Uhr – sie sind für jeden Krisenfall gerüstet.
Besonders langwierig war die Bergung des ausgebrannten Containerschiffs „Flaminia“ im Sommer 2012, das wochenlang vor der englischen Küste auf der Nordsee trieb, bis es endlich Wilhelmshaven anlaufen durfte.
Wie schlimm es diesmal ist, dazu mag sich beim Havariekommando noch niemand äußern. Nachdem am Morgen die Menschen in verschiedenen Landkreisen noch dazu aufgefordert wurden, wegen der Rauchwolke Fenster und Türen geschlossen zu halten, konnte die Berufsfeuerwehr Wilhelmshaven nach Messungen der Luft am Mittag Entwarnung geben: Es wurden keine Gefahrstoffe in der Luft festgestellt.
Notliegeplatz suchen
Auch im Landkreis Friesland konnte am Mittag vorerst Entwarnung gegeben werden: Keine der vier in Friesland eingerichteten Messstellen auf Wangerooge, in Harle, Schillig und Dangast hat bisher Schadstoffe in der Luft festgestellt. Dennoch werden die Messungen fortgesetzt.
Das Havariekommando arbeitet an einem Plan für einen geeigneten Notliegeplatz, um zu einem späteren Zeitpunkt den Havaristen in einen sicheren Hafen zu schleppen. Im Gespräch soll Nordenham sein.
