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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Suche nach Beweisen unter der Erde

24.02.2015

Oldenburg /Ganderkesee Die Wolken hängen bedrohlich tief über dem Friedhof von Ganderkesee, es regnet. Zwei Friedhofsgärtner packen ihr Werkzeug zusammen. Es ist nahezu still hier – mitten im Ort. Ein Platz der Trauer und der Besinnung.

Fast schnurgerade verlaufen die Wege durch eine Heidelandschaft. Weiße Porzellanengel auf vielen Gräbern, bunte Gießkannen unter einem Baum. Heute braucht sie niemand.

Irgendwann im März wird die Friedhofsruhe für einen Tag gestört. Dann kommt die Polizei, sperrt alles ab. Dann kommen Bestatter und exhumieren acht Leichen, die hier seit zehn Jahren oder mehr liegen. Opfer des Ex-Krankenpflegers Niels Högel (38)?

Der Verdacht ist da. Die Angehörigen sind informiert, zustimmen müssen sie nicht. Der Schock muss groß gewesen sein, als die Polizei vor der Tür stand. „Wir sind uns bewusst, dass die Öffnung von Gräbern ein Eingriff in die Totenruhe ist“, sagt Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von Staatsanwaltschaft und Polizei.

Ajmalin wird gesucht

Aber es geht nicht anders. Die Leichen müssen in die Rechtsmedizin. Lässt sich in ihren Körpern noch Ajmalin nachweisen? Der Wirkstoff des Herzmedikaments Gilurytmal. Es würde Högel schwer belasten.

Ganderkesee ist erst der Anfang. „Friedhof für Friedhof“ wollen die Ermittler in den kommenden Monaten im Nordwesten nach Beweisen für eine mögliche Mordserie suchen: in Oldenburg, Delmenhorst, Hude, Syke, Weyhe. Die Liste ist lang.

Kühme spricht von einer „mittleren zweistelligen Zahl“ von Ruhestätten, die betroffen sind. „Wir werden friedhofsbezogen vorgehen.“

Zahlen des Grauens: Mehr als 200 Verdachtsfälle untersucht die Polizei. Im Klinikum Delmenhorst sind es 174. Und das sind nur die Erdbestattungen. Im Klinikum Oldenburg jetzt mehr als 20. Im Rettungsdienst im Oldenburger Land jetzt acht. An den Arbeitsstätten von Högel in Wilhelmshaven bisher Fehlanzeige.

Große Hintergrundchronik zum Mordprozess gegen Niels Högel auf NWZonline

Alle Artikel zum Fall Niels Högel im Spezial auf NWZonline

Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, sagt Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. „Es gibt allerdings Indizien, dass H. in Oldenburg Patienten getötet hat.“ Bisher seien in über 20 Sterbefällen im Klinikum Oldenburg Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts des Mordes eingeleitet worden.

Das Klinikum hat selbst ein Gutachten in Auftrag gegeben. Der Sachverständige untersucht 57 Fälle, findet bei zwölf Patienten Anhaltspunkte für Tötungen mit Kalium. Högel war von 1999 bis 2002 Krankenpfleger in Oldenburg, bis er gehen muss. Kein Vertrauen mehr, aber kein Verdacht.

Schiereck-Bohlmann sagt, dass derzeit ein unabhängiger Sachverständiger das vom Klinikum Oldenburg veranlasste Gutachten überprüft. Klinikum-Geschäftsführer Dirk Tenzer hält das für sinnvoll. „Mich wundert nicht, dass es mehr Fälle als zwölf sind.“ Das Klinikum sei selbst noch nicht am Ende der Untersuchungen gewesen.

Auch in Högels Zeit als Rettungssanitäter im Landkreis Oldenburg zwischen 2002 und 2005 stellt die Polizei auffällige Reanimationen fest. In acht Fällen gebe es konkrete Ermittlungsverfahren, sagt Schiereck-Bohlmann. Für Högels Zeit in Einrichtungen in Wilhelmshaven gibt es dagegen bisher keine Verdachtsfälle.

Die Ermittlungen im Klinikum Delmenhorst sind schon weiter. Von 2003 bis 2005 arbeitet er hier als Pfleger auf der Intensivstation, spritzt nach eigenen Angaben 90 Patienten eine Überdosis des Herzmedikaments Gilurytmal. Etwa 30 sterben. Vor dem Landgericht Oldenburg ist Högel derzeit wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs angeklagt. Das Urteil wird für diesen Donnerstag erwartet.

Laut Staatsanwaltschaft liegen bisher zu 23 weiteren Fällen medizinische Gutachten vor. In zwölf Fällen ist der Tod der Patienten nicht mit ihren Erkrankungen zu erklären. Schiereck-Bohlmann hat Exhumierungen beantragt. Elf Fälle werden zu den Akten gelegt. Es bleiben 151 Verdachtsfälle – alleine im Klinikum Delmenhorst.

Polizeipräsident Kühme kündigt an, dass in Kürze die ersten acht Leichen auf einem Friedhof in der Region exhumiert würden. Den Namen der Ruhestätte nennt er nicht – aus Rücksicht auf die Angehörigen, wie er sagt. „Wir werden friedhofsbezogen vorgehen.“

Fehler eingeräumt

Der Leiter der Soko „Kardio“, Arne Schmidt, betont, dass man bei den Exhumierungen die Belastung für alle Beteiligten so niedrig wie möglich halten will. Die Polizei geht davon aus, dass sie das Gilurytmal noch nachweisen kann. An den betroffen Gräbern sollen Bodenproben entnommen werden. Die Rechtsmedizin in Hannover untersucht sie.

Die Polizei will die Friedhöfe bei den Exhumierungen für die Öffentlichkeit weitestgehend sperren, lässt sich für die Dauer des Einsatzes das Hausrecht übertragen. „Grabbesucher müssen sich auf Kontrollen einstellen“, sagt Schmidt.

Die Presse soll ganz draußen bleiben. Ton-, Bild- und Videoaufnahmen auf dem jeweiligen Gelände sind untersagt. Man werde alles daran setzen eine „solche Art der Berichterstattung“ zu verhindern, betont der Soko-Leiter. Selbst auf einen Einsatz von Drohnen mit Kameras will sich Polizei vorbereiten.

Es soll alles ganz schnell gehen. Gräber öffnen, Leichen exhumieren und untersuchen, Wiederbeerdigung in einem neuen Sarg noch am selben Tag. Am Montag schreibt die Polizei die notwendigen Arbeiten öffentlich aus. Gesucht werden Bestatter, Steinmetze, Gartenbauer.

Zwischen 6000 und 7000 Euro kostet jede Exhumierung, erklärt Schmidt. Staatsanwaltschaft und Polizei zahlen. Auf die Angehörigen kämen keine Kosten zu.

Die Staatsanwaltschaft hat noch ein anderes Anliegen. Der stellvertretende Behördenleiter Thomas Sander entschuldigt sich für Versäumnisse bei den Ermittlungen gegen Högel. Diese seien nicht mit der notwendigen Geschwindigkeit geführt worden, sagt er. „Ich möchte mich im Namen der Staatsanwaltschaft Oldenburg entschuldigen.“ Gegen zwei ehemalige Staatsanwälte wird deshalb ermittelt. „Wir wollen versuchen, das Treiben des Herrn H. jetzt voll umfänglich aufzuklären.“

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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