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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Tiefe Wunde der Opfer verheilt nur langsam

20.02.2015

Oldenburg /Delmenhorst Bei den Angehörigen fließen die Tränen, als Gaby Lübben im Gerichtssaal die Gesichter der Toten zeigt, auf großen Porträtfotos. Der Angeklagte schaut betreten zu Boden, hält eine Hand vor den Mund.

„Ich möchte Ihnen die Gesichter vorstellen, damit Sie diese in ihren Träumen wiedererkennen können“, sagt die Anwältin der Nebenkläger mit ruhiger, fester Stimme zu Niels Högel.

Menschen, Patienten, Opfer.

Brigitte A., 61 Jahre alt, Krankenschwester, sportlich, hatte sich gerade ihren Traumwagen gekauft, sollte damit aus dem Krankenhaus abgeholt werden.

Hans S. (78), glücklich verheiratet, reiste gerne mit seiner Frau, liebte den Garten, konnte die Urenkel nie kennenlernen.

Christoph K. (44), Elektriker, hatte gerade ein Haus gebaut, hinterlässt drei Kinder, wäre am Tag der Urteilsverkündung 55 geworden.

Dieter M. (63), liebevoller Opa, genoss den Ruhstand, konnte die Hochzeit seiner Tochter nicht mehr feiern.

Die Tochter von Frau A. sitzt auf der Bank der Nebenkläger, die Mutter und die Schwester von Herrn K. auch. Andere Angehörige verfolgen das Drama im Zuschauerraum.

Patienten und Opfer

Lübben lässt sich Zeit, für Högel wohl eine quälend lange Zeit. „Die Gesichter des Todes stehen stellvertretend für zig tote Seelen, die bisher keine Ruhe finden konnten“, ruft die Anwältin.

Rund 90 Tötungsversuche im Klinikum Delmenhorst hat Ex-Krankenpfleger Högel gestanden, mindestens 30 Patienten sollen an der Überdosis eines Herzmedikaments gestorben sein, dass er ihnen gespritzt hat. Es könnten auch mehr gewesen sein. „Das sind nur geschätzte Zahlen“, sagt Högel auf Nachfrage von Richter Sebastian Bührmann.

Der 38-Jährige ist vor dem Landgericht Oldenburg in fünf Fällen angeklagt. Drei Morde, zwei Mordversuche, da sind sich Staatsanwaltschaft und Nebenklage in ihren Plädoyers einig. Für die Tötung von Herrn M. wurde Högel bereits 2008 wegen Mordversuchs zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Jetzt droht Schlimmeres.

„Gesichter des Todes“ ist ein Horrorfilm. Högel wollte ihn anschauen. Mit 16 Jahren. Es ging nicht. Hat er dem Gerichtspsychiater anvertraut.

Niemand könne verstehen, warum er den Film ausmachen müsse, wenn er selbst seit Jahren „Gesichter des Todes“ produziere, schüttelt Lübben fassungslos den Kopf.

Fast eine Stunde plädiert Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann für lebenslänglich. Högel sei bewusst gewesen, dass er Patienten in Todesgefahr bringe. Sein Motiv: Langeweile und der Wunsch, sein medizinisches Können vor den Kollegen zu beweisen, wie Schiereck-Bohlmann sagt. „Der Angeklagte suchte den Kick. Er wollte sich ein gutes Gefühl verschaffen.“

Die Oberstaatsanwältin betont die „besondere Schwere der Schuld“. Högel habe aus niederen Beweggründen und Heimtücke gemordet. „Es bleibt nur eine lebenslange Freiheitsstrafe.“

Dem schließt sich die Nebenklage an. „Sie haben Todesängste verursacht“, hält Lübben Högel vor. Die körperlichen Qualen der Opfer könne man nur erahnen. „Mir bleibt nur die Hoffnung, dass die toten Seelen Ruhe finden und die Lebenden ebenfalls.“

Högel schweigt am Nachmittag wieder. Vielleicht hat er am Morgen zu viel gesagt.

Richter Bührmann spricht von einem „bedeutenden Moment“, als er mit der Befragung des Angeklagten beginnt. „Ich kann Ihnen nur raten, die Wahrheit zu sagen, die volle Wahrheit.“ Er werde daran bei möglichen weiteren Prozessen gemessen, warnt der Richter Högel. Die Polizei untersucht noch mehr als 200 Todesfälle an den Arbeitsstätten des Ex-Pflegers.

Högel wirkt gefasst. Grauer, Kapuzenpulli, blaue Jeans, gegeelte Haare. Er beantwortet jede Frage, gestikuliert, reibt sich nervös die Hände. Seine Stimme ist tief, etwas knödelig, nicht unangenehm. Er kann sich ausdrücken.

Högel schildert ausführlich, wie er mit dem Leben der schwerkranken Patienten auf der Intensivstation gespielt hat. Erst habe er das Opfer ausgesucht, dann die Spritzen aufgezogen. Die Entscheidung, einen Patienten in die Krise zu bringen, fällt kurzfristig. „Es war eine Anspannung da und eine Erwartungshaltung, was passiert gleich.“ Nach einer erfolgreichen Wiederbelebung fühlt er sich gut. „Das hat mich richtig angefixt.“ Wenn der Patient stirbt, ist er niedergeschlagen. Doch das hält nicht lange.

Am Anfang bekommt Högel viel Lob und Anerkennung für die Reanimationen. „Dann schlug die Stimmung um.“ Ans Aufhören denkt er deswegen nicht. Warum nicht?, will Bührmann wissen. „Das ist eine Frage, die ich mir auch immer wieder stelle“, antwortet Högel.

Von den Gerüchten über sich will der Ex-Pfleger nichts mitbekommen haben. Todes-Högel? „Mir hat nie jemand gesagt, in mein Zimmer gehst Du nicht.“

Verbrauch fällt nicht auf

Warum in seiner Zeit in Delmenhorst von Anfang 2003 bis Mitte 2005 auf der Intensivstation fast 200 Patienten mehr sterben als durchschnittlich üblich, kann Högel nicht erklären. Von einer neuen Station und einer gestiegenen Patientenzahl nuschelt er etwas.

Zwölf Tötungen mit Kalium im Klinikum Oldenburg streitet er ab. Außerhalb des Klinikums Delmenhorst habe er „zu keiner Zeit manipuliert“.

Dass der erhöhte Verbrauch des Medikaments Gilurytmal in Delmenhorst nicht auffällt, kann sich Högel nicht erklären. Der Oberarzt habe den Bestellzettel immer unterschrieben. „Dass da nie ein Nachfrage kam, hat mich gewundert.“

Nicht nur die Angehörigen im Saal sind schockiert. „Das tut mir wirklich leid“, sagt Högel. „Das, was Sie an Wunden gerissen haben, Herr Högel, ist noch lange nicht verheilt“, sagt Anwältin Lübben.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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