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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Tötung in der letzten Arbeitsschicht

26.11.2016

Oldenburg /Delmenhorst Am Freitag, 24. Juni 2005, tritt der Krankenpfleger Niels Högel seine letzte Schicht auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst an. Zwei Tage zuvor hatte ihn eine Kollegin dabei ertappt, wie er einem Patienten unerlaubt das Herzmittel Gilurytmal spritzte; der Mann starb einen Tag später an den Folgen.

Aber niemand spricht mit Högel über den Vorfall, niemand schickt ihn nach Hause, niemand informiert die Polizei. Niels Högel macht ganz normal Dienst – und tötet einen weiteren Menschen.

Diesmal greift er nicht zu Gilurytmal, seiner bevorzugten Mordwaffe; damit war er ja aufgefallen. Er tritt ans Bett der Patientin Renate R. und verabreicht ihr einen sogenannten Beta-Blocker, „Sotalex“. Wie Gilurytmal kann eine Überdosis Sotalex zu Herzkreislaufproblemen führen. Renate R. stirbt noch am selben Tag. Niels Högel geht anschließend in den Urlaub.

Erst Tage später informiert das Klinikum die Polizei.

Högel steht in Verdacht, Dutzende Menschen in den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg getötet oder verletzt zu haben. Mindestens fünf Fälle, darunter der Tod von Renate R., hätten verhindert werden können, wenn Högels Kollegen sich anders verhalten hätten – davon sind Polizei und Staatsanwaltschaft überzeugt. Sechs von ihnen, vier Pfleger und zwei Ärzte, sollen sich nun vor Gericht verantworten. Werden sie wegen „Totschlag durch Unterlassung“ verurteilt, drohen ihn Haftstrafen zwischen 5 und 15 Jahren.

Das Klinikum Delmenhorst verweist in einer aktuellen Pressemitteilung auf die „Unschuldsvermutung“ und erklärt: Die Mitarbeiter hätten sich „durch ihre Arbeit und ihre fachliche Kompetenz ein hohes Ansehen erarbeitet“. Bereits im Dezember 2014 hatte der Bremer Rechtsanwalt Erich Joester als Sprecher des Klinikums betont: „Ich denke, das war für Delmenhorst nicht zu sehen.“

Joesters Kanzlei vertritt inzwischen angeklagte Ex-Mitarbeiter. Der Sprecher der Opfer-Angehörigen, Christian Marbach aus Ganderkesee, hält das für „kritisch“: „Das Klinikum Delmenhorst muss sich entscheiden, ob es weiter auf der Seite der Täter agieren möchte“, sagte er.

Die Staatsanwaltschaft wirft den angeklagten Pflegern und Ärzten nun vor, „aus Angst um die Reputation der Klinik und aus Angst, sich dem Vorwurf der falschen Verdächtigung auszusetzen“, untätig geblieben zu sein. Sie hätten zum Teil seit dem 22. Mai 2005, spätestens aber seit dem 22. Juni 2005 solche Taten für möglich gehalten. Nach Auffassung der Ankläger hätte Högel sofort aus dem Dienstbetrieb entlassen werden müssen – stattdessen ließ man ihn weiterarbeiten, zwei lange Schichten bis zum regulären Urlaubsbeginn.

Für Renate R. endete das tödlich.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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