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Amtsgericht Trotz Pflegestufe 3 mit dem Rad unterwegs

Stadland - Ein spektakulärer Polizeieinsatz hatte am 20. Oktober 2014 Stadland erschüttert: Eine Kugel aus einer Polizeipistole tötete einen 77-jährigen Arzt. Dieses tragische Ereignis hatte am Mittwoch ein Nachspiel im Amtsgericht Nordenham, denn der Arzt war in Pflegestufe 3 eingruppiert gewesen und hatte diesen Status dem Urteil der Richterin zufolge unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erschlichen.

Daran sei seine damalige Frau beteiligt gewesen. Deshalb verurteilte die Richterin die 66-jährige Witwe wegen gemeinschaftlichen gewerblichen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird, und 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit, die sie binnen vier Monaten ableisten muss. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Ärztin stuft ein

Eine Ärztin des Medizinischen Dienstes der privaten Pflegeversicherungen hatte den Arzt am 15. November 2011 nach einer Standarduntersuchung in Pflegestufe 3 eingruppiert. Insgesamt zahlte die private Krankenversicherung des Arztes bis zu dessen gewaltsamen Tod 26 500 Euro Pflegegeld.

Nach Auffassung der Richterin war es die finanzielle Situation, die den Arzt dazu veranlasste, im August 2011 Pflegegeld zu beantragen. Eine bestimmte Pflegestufe hatte er dabei nicht genannt.

Die Witwe, eine ausgebildete Heilpraktikerin, sagte aus, dass sich der Zustand ihres Mannes seit 2010 zunehmend verschlechtert habe. Weder sie noch ihr Mann noch der Hausarzt hätten die Ursache feststellen können. Ihr Mann habe sich nicht mehr selbst waschen oder rasieren können, er habe nicht mehr ohne ihre Hilfe essen oder sich kaum ohne Rollstuhl oder Rollator fortbewegen können. Um ihm zu helfen, habe sie ihm sehr häufig Ozon-Behandlungen angedeihen lassen, nach denen er für vier Tage deutlich besser zuwege gewesen sei. Der Schmerz sei weg gewesen, aber das Grundübel sei geblieben.

Die Nachbarn hatten allerdings von diesem Grundübel nichts bemerkt, wie drei von ihnen aussagten, die als Zeugen geladen waren. Fast alle erinnerten sich, den angeblich auf den Rollstuhl angewiesenen Arzt bei regelmäßigen Spaziergängen mit dem Hund, einem Golden Retriever, bei Fahrradausflügen – gelegentlich ebenfalls mit dem Hund – und im Auto gesehen zu haben – immer freundlich winkend. Ein Nachbar hatte ihn sogar bei der Arbeit im Gemüsegarten beobachtet.

Es war auch eine solche Beobachtung, die das Verfahren ausgelöst hatte: Ein Polizeibeamter aus Rodenkirchen, der den Arzt flüchtig kannte, hatte ihn kurz vor dessen Tod einmal mit dem Fahrrad und einmal zu Fuß mit dem Hund gesehen – und sich dann doch gewundert, als er nach dem tödlichen Schuss erfuhr, dass der Mann in Pflegestufe 3 eingruppiert war.

Schnell wieder gesund

Eine ähnliche Erfahrung machte ein Gerichtsvollzieher, der im August 2014 zu einer Vollstreckung ins Haus des Arztes kam und einen schwerkranken, schwerhörigen und auf den Rollstuhl angewiesenen Mann vorfand. Der mitfühlende Gerichtsvollzieher stellte das Verfahren ein – und freute sich sogar ehrlich, als er den alten Herrn vier Wochen später gesund auf dem Fahrrad wiedersah.

Auch die Krankenschwester, die alle drei Monate vorbeischaute, kannte den Arzt nur als hinfälligen Patienten im Rollstuhl. Ihr letzter Besuch begann in der Minute seines Todes, und sie sah ihn die Treppe herunterschreiten, Waffen in den Händen, so dass er sich nicht am Geländer festhalten konnte. „Ich war perplex“, sagte sie. Ähnlich erging es ihr, als die Richterin ihr ein Video aus dem Jahr 2013 zeigte, in dem der Arzt, zwar sitzend, aber doch mit ausladenden Armbewegungen Fragen beantwortet.

Zu der großen Fan-Gemeinde des Arztes, der unter anderem einen Feldzug gegen Deos führte, gehört ein Österreicher. Er sagte aus, dass der Arzt im April 2014 allein zu einem Gesundheitsforum nach Salzburg geflogen sei, um dort zu referieren.

Der Anwalt der Witwe forderte einen glatten Freispruch, die Staatsanwältin bekam dagegen genau das Urteil, das sie wollte.

Henning Bielefeld
Henning Bielefeld Redaktion Nordenham (Stv. Leitung), Redaktion Stadland
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