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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Tizia L. entkam durch das Toilettenfenster

21.03.2018

Vechta Es muss irgendwann zwischen drei und sechs Uhr am Montagmorgen gewesen sein, als Tizia L. beschließt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ihre Flucht gekommen ist.

Sie verlässt ihren Haftraum im Erdgeschoss. Die Treppe rauf. Dort, im Obergeschoss, sind die Toiletten, außerhalb der Hafträume. Das Schloss, mit dem die kleine Dachluke gesichert ist, stellt für L. offenbar kein Problem dar. In ihrem Leben vor der Haft hat sie an Autos herumgeschraubt.

ISt ein Gefängnisausbruch strafbar?

Das Entweichen aus der Haft, wie der Ausbruch aus einem Gefängnis amtlich heißt, ist nicht strafbar. Damit respektiert der Gesetzgeber wohl den jedem Menschen innewohnenden Drang nach Freiheit.

Ohne Konsequenzen ist ein Ausbruch aus dem Gefängnis allerdings nicht. Werden die Gefangenen wieder geschnappt, dürften vorherige Lockerungen des Vollzuges Geschichte sein. Vielmehr ist wohl mit Verschärfungen der Haftbedingungen zu rechnen.

Länger einsitzen nach einem Ausbruch ist auch nicht gänzlich ausgeschlossen. Wer etwa einem Mitgefangenen zur Flucht verhilft, macht sich strafbar. Für die sogenannte Gefangenenbefreiung drohen drei Jahre Haft. Hilft ein Wärter einem Häftling bei der Flucht, drohen ihm sogar bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Bis zu zwei Jahre länger kann ein Ausbrecher einsitzen, wenn er zum Beispiel zur Flucht aus dem Gefängnis Gitterstäbe ansägt, Stacheldraht oder Mauern beschädigt. Dann macht er sich nämlich einer Sachbeschädigung schuldig. Das kann eine Verurteilung und damit eine weitere Gefängnisstrafe nach sich ziehen. Die würde einem Ausbrecher dann zusätzlich zu seiner ursprünglichen Haftstrafe noch aufgebrummt.

Sie knackt das Schloss und zwängt sich durch die kleine Öffnung des Toilettenfensters hinaus auf das Dach, in die Freiheit.

Sie hangelt sich auf den Boden, läuft zu einem 3,55 Meter hohen Zaun im Rücken des Gebäudes. Ob das geplant war, weiß jetzt noch niemand so genau. Doch Tizia L. erwischt die einzige Stelle des Zauns, die im toten Winkel der Überwachungskameras liegt. Sie nimmt Anlauf, klettert hinüber und verschwindet in der Dunkelheit.

Nicht mal ein Jahr lang war die 22-Jährige in der Sozialtherapie der JVA Vechta untergebracht. Im März 2017 war Tizia L. in einem Aufsehen erregenden Indizienprozess zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Ihren Mann, den 63 Jahre alten Maurermeister Willi L., hat sie im Juli 2016 aus nächster Nähe mit acht Schüssen aus einem Revolver getötet. Davon ist das Gericht überzeugt.

Willi L. soll geschlafen haben, als ihn die Kugeln aus der Waffe trafen. Bekleidet war er nur noch mit einer Unterhose.

In einem unscheinbaren umgebauten Überseecontainer, direkt an den Bahngleisen in Algermissen bei Hildesheim, hatte das ungleiche Paar gewohnt. Geliebt haben soll sie ihn nach Ansicht der Richter nie. Sie habe gehofft, sich ihren Traum von einer eigenen Autowerkstatt auf seinem Grundstück verwirklichen zu können. In der JVA sollte sie nach der Sozialtherapie eine Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin beginnen.

Nach der Tat deckte Tizia L. ihren toten Ehemann mit einer Decke zu. Sie stieg in das Auto ihres Mannes und holte ihren jungen Liebhaber ab. Gemeinsam mit ihm fuhr sie zwei Wochen in den Urlaub im Süden: über Prag und Wien nach Italien. L. hatte die Tat bis zuletzt bestritten.

Tizia L. landete nach der Inhaftierung schnell in der Sozialtherapie der JVA Vechta. Wer dort einsitzt, hat sich gut geführt, eine günstige Sozialprognose und die Aussicht, mindestens im offenen Vollzug zu landen. Gitter sucht man in den Gebäuden der Abteilung vergebens, die Mauern sind nur halb so hoch wie im geschlossenen Strafvollzug. Die Zellen-Türen sind aus Holz und nie verschlossen.

Von L. gehe keine Gefahr für die Allgemeinheit aus, ist das Justizministerium überzeugt. „Der Verurteilung liegt eine Beziehungstat zugrunde“, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Im Gefängnis sei die 22-Jährige nicht als aggressiv aufgefallen.

L. ist in jüngerer Vergangenheit die zweite Gefangene der die Flucht aus Vechta gelang. Die letzte Flucht gab es 2014.

Tobias Schwerdtfeger
Leitung
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2050

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