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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Welche Rolle spielt der Fliegerarzt?

16.02.2013

Bad Zwischenahn /Gießen Als die Rettungskräfte an diesem schneekalten Dezembernachmittag die Felder neben der Bundesstraße 455 erreichten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens: Überall lagen Trümmer auf dem hartgefrorenen Ackerboden, die Wucht des Aufpralls hatte sie mehrere hundert Meter auseinanderfliegen lassen. Zwischen den Trümmern fanden die Retter die Opfer: Acht Menschen waren durch den Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, darunter vier Kinder, zwei, vier, sechs und acht Jahre alt.

Akten beschlagnahmt

Was war geschehen?

Medienberichten zufolge war am Sonnabend, 8. Dezember 2012, um 16.04 Uhr etwa einen Kilometer über dem Wölfersheimer Ortsteil Melbach ein Kleinflugzeug vom Typ Piper Saratoga auf eine Robin DR 400 geprallt. Die Piper Saratoga wurde von Hans Jürgen W. (40) aus Dietzenbach gesteuert; mit an Bord waren seine Frau (42) und die drei Kinder. In der Robin saßen ein 42-jähriger Lufthansa-Pilot aus Frankfurt am Main, seine 33-jährige Lebensgefährtin und die gemeinsame vierjährige Tochter. Warum es zu dem Zusammenstoß kam, blieb unklar; an dem Tag soll gute Sicht geherrscht haben. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen in Braunschweig (BFU) nahm die Ermittlungen auf.

Einige Wochen später bekommt an einem Donnerstag ein Fliegerarzt aus Bad Zwischenahn unerwarteten Besuch von vier Beamten aus dem hessischen Friedberg. Sie durchsuchen mehrere Stunden lang Praxis und Wohnräume des 72-jährigen Mediziners, unterstützt werden sie dabei von Polizisten aus dem Ammerland. Sie nehmen zahlreiche Patientenakten mit nach Hessen.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Gießen bestätigt die Durchsuchung im Zusammenhang mit dem Flugunfall; die Ermittler hätten „reichlich Krankenunterlagen“ sichergestellt, sagt sie. Hintergrund sei ein „Anfangsverdacht auf Ausstellung unrichtiger Gesundheitszeugnisse“. Nach NWZ -Informationen hat der Mediziner die Flugtauglichkeit eines der abgestürzten Piloten bescheinigt. „Der Mann hätte wohl nicht in der Luft sein dürfen“, sagt die Sprecherin.

„Der Mann“ ist nach NWZ -Informationen Hans Jürgen W., ein 40-jähriger Vermögensverwalter. Warum W., der in Dietzenbach wohnte, in Bad Homburg arbeitete und in Aschaffenburg Mitglied des Flugsportclubs war, zu Tauglichkeitsuntersuchungen ins 460 Kilometer entfernte Bad Zwischenahn reiste, ist nicht bekannt. W. hatte allerdings familiäre Bindungen ins nahe Emsland; er selbst ist in Papenburg zur Schule gegangen.

Unfallursache noch unklar

Den NWZ -Informationen zufolge litt W. an einer gesundheitlichen Einschränkung, die eine Flugtauglichkeit ausgeschlossen hätte. Ob gesundheitliche Gründe auch Ursache des Flugzeugunglücks sind, ist unklar; die BFU hat ihre Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Bis zum Jahresende will die Bundesstelle die Ergebnisse vorlegen, in Kürze soll im monatlichen BFU-Bulletin ein erster Zwischenbericht veröffentlicht werden. Ein Sprecher bestätigte vorab auf Nachfrage lediglich, dass die Frage nach der Flugtauglichkeit „ein Thema“ in dem Zwischenbericht sein wird.

Woran W. litt, will keine Behörde offiziell sagen. Zu den häufigsten Gründe, warum Piloten die Diagnose „fluguntauglich“ gestellt wird, gehören Bluthochdruck und Diabetes. Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass es nach einem solchen Absturz schwierig sein könne, anhand der sterblichen Überreste Vorgänge wie einen Zuckerschock nachzuweisen.

Der Arzt aus Bad Zwischenahn äußert sich auf Anraten seines Rechtsanwalts nicht zu den Vorwürfen. Sein Anwalt äußert sich ebenfalls nicht, da ihm die Akte noch nicht vorliege. Auf der Homepage der Praxis im Internet findet sich lediglich der Hinweis: „Wegen eines Prüfverfahrens vom Luftfahrtbundesamt können bis auf weiteres keine fliegerärztlichen Untersuchungen durchgeführt werden.“ Das Luftfahrtbundesamt in Braunschweig äußert sich nicht zur Sache mit Verweis auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.

In Fliegerkreisen ist zu hören, dass der Mediziner in der Szene als „großzügig“ bekannt sei. Einige Piloten verweisen aber auch auf seine „große Erfahrung“. Beim Deutschen Fliegerarztverband mit Sitz in Badbergen (Landkreis Osnabrück) seien „keine Ungereimtheiten“ im Zusammenhang mit dem betreffenden Arzt bekannt, sagt Vizepräsident Dr. Uwe Beiderwellen (Bad Bentheim). „Wir verlangen von unseren Verbandsmitgliedern, dass strikt nach den Regeln untersucht wird“, betont er. Der Arzt gehört zu den Mitgliedern.

Fahrlässige Tötung?

Flugfreunde von W. in Aschaffenburg charakterisieren den 40-Jährigen als „verantwortungsvollen Piloten“ und als „sehr umsichtig“.

Die Staatsanwaltschaft wird jetzt prüfen müssen, ob Großzügigkeit, Nachlässigkeit oder finanzielle Motive ein Grund dafür sein könnten, dass der Arzt W. ein mutmaßlich falsches Tauglichkeitszeugnis ausstellte. Vorrangig ermittelt die Behörde nun erst einmal im Vorwurf der fahrlässigen Tötung in acht Fällen.

In einem zweiten Schritt gehen die Juristen dann dem Verdacht nach, ob es in weiteren Fällen zum „Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse“ gekommen sein könnte. Das kann nach Paragraf 278 Strafgesetzbuch mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe bestraft werden.