Wilhelmshaven/Friesland - Der Fall in Wilhelmshaven, bei dem zwei Jugendliche eine 14-Jährige brutal schlugen, traten und dabei von Schaulustigen gefilmt wurden, hat eine bundesweite Debatte über Jugendgewalt ausgelöst.
Vor dem Hintergrund dieses Falls hat am Mittwoch der neue Leiter der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland Bernd Deutschmann gemeinsam mit dem Leiter des Fachkommissariats für Kinder- und Jungendkriminalität Werner Rockmann, dem Beauftragten für Jugendsachen Peter Lewald und dem Leiter Einsatz der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland Klaus-Dieter Schulz über Jugendkriminalität und die Präventionsarbeit der Polizei informiert. „Der Fall der 14-Jährigen hat die Polizei erschüttert“, sagte Deutschmann.
Wie berichtet, sitzen die 17-jährige Tatverdächtige und ihr gleichaltriger mutmaßlicher Mittäter beide in Untersuchungshaft. Die Polizeiinspektion Wilhelmshaven-Friesland ermittelt unter Leitung der Staatsanwaltschaft Oldenburg gegen weitere acht Jugendliche und einen Heranwachsenden. Diese sind verdächtig, die Tat beobachtet zu haben, aber nicht eingeschritten zu sein.
Aufruf zur Selbstjustiz
Zudem ermittelt die Polizei auch gegen diejenigen, die im Internet dazu aufgerufen haben, den mutmaßlichen Tätern Gewalt anzutun. „Hier hat das Recht auf freie Meinungsäußerung Grenzen“, betonte Rockmann. Es habe intensive Gespräche mit den Verursachern gegeben, Ermittlungsverfahren seien eingeleitet, weitere werden hinzukommen.
„Im Internet wird in der fälschlichen Annahme der Anonymität zur Selbstjustiz aufgerufen“, sagte Deutschmann – ein Phänomen, das sich auch bei anderen Fällen habe beobachten lassen, etwa bei dem Fall der elf Jahre alten Lena 2012 in Emden.
Insgesamt sei die Jugendkriminalität in Niedersachsen deutlich gesunken, auch im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland sei sie rückläufig. So erfasste die Polizeiinspektion 2013 insgesamt 856 minderjährige Tatverdächtige, das waren 46 weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: Noch 2009 lag die Zahl der minderjährigen Tatverdächtigen bei 1295.
Rohheitsdelikte, dazu zählen unter anderem Körperverletzung, Raub, räuberische Erpressung und Nötigung, werden laut Polizei jugendtypisch häufig im Schutz der Gruppe verübt.
Bei den Rohheitsdelikten wurde 2013 gegenüber 2012 ein leichter Anstieg verzeichnet: Jugendliche und Kinder waren 2012 in 239 Fällen und 2013 in 265 Fällen tatverdächtig. Die höhere Anzahl erklären sich die Polizisten mit einem Erfolg der Präventionsarbeit: „Es wird weniger weggeschaut, daher werden auch mehr Fälle zur Anzeige gebracht“, glaubt Rockmann.
Intensive Prävention
Lehrer, Schüler, Eltern und (potenzielle) Opfer seien inzwischen durch die zahlreichen Präventionsprojekte in Wilhelmshaven und Friesland sensibilisiert. Peter Lewald verwies zudem mehrfach auf das engmaschige Netz aus Polizei, Stadtverwaltung, Jugendpflege, Verbänden, Institutionen und Einrichtungen, die die Gewaltprävention zum gemeinsamen Ziel haben. „Wir gehen in die Schulen und klären auf über den Umgang mit Gewalt – auch im Internet, machen Projekte und starten Initiativen, das zeigt Wirkung“, so Lewald.
