WIEFELS - „Ich kann gar nicht glauben, dass die Sturmflut schon 50 Jahre her ist – meine Erinnerungen sind so gegenwärtig als wäre es gestern gewesen“, sagt Anke Ketteler (geborene Bohms) aus Wiefels.

1962 war sie ein achtjähriges Schulmädchen und lebte bei ihren Großeltern Ida und Fritz Bohms in Schillig an der Deichstraße 57 direkt am Minser-Osteraußendeich. „Wenn man an der Küste wohnt, gehören Stürme und Sturmfluten zu immer wiederkehrenden Ereignissen und der Außengroden wurde regelmäßig überflutet. Also nichts Spektakuläres“, sagt sie.

Doch am 16. Februar 1962 war alles anders: Aus dem starken Nordwest-Wind wurde ein Sturm. Aus dem Sturm wurde ein Orkan, der wie eine wilde Bestie dröhnte, heulte und tobte, erzählt Anke Ketteler.

„Im Radio warnten sie vor einer schweren Sturmflut. Alle 30 Minuten ging mein Opa auf den Deich und gegen 20 Uhr sagte er nur ganz knapp: ,Steiht bit boben.‘ Man sah Angst in seinem Gesicht und er guckte Oma so eigenartig an. Ich wollte auch auf den Deich, durfte aber nicht. Also habe ich mich heimlich rausgeschlichen.“

Sich an rutschigen Grasbüscheln festkrallend, krabbelte die achtjährige Anke den Deich hinauf. „Und dann sah ich das Wasser. Es schwappte schon über die Deichkrone.“

Die Großeltern bereiteten sich auf einen Deichbruch vor, brachten Betten und Mobiliar ins Obergeschoss. Die kleine Anke machte sich besonders Sorgen um die Kühe. „Was passiert mit ihnen, wenn das Wasser kommt?“, wollte sie von ihrem Opa wissen. „Die saufen ab“, bekam sie zu hören. „Opa hatte Tränen in den Augen. Aber was sollte man tun?“, erinnert sie sich.

Am 17. Februar gegen 5 Uhr seien dann Soldaten vorbeimarschiert, ihnen folgten Lastwagen mit Sandsäcken. Der Deich zwischen Horumersiel und Schillig drohte zu brechen. Gegen 8 Uhr sei dann ein Mitarbeiter der Gemeinde vorbeigekommen: „Wir sollten evakuiert werden“, weiß Anke Ketteler.

Doch eine Stunde später geschah das Wunder: „Urplötzlich verstummte der Wind und es wurde totenstill“, sagt sie. Die Bohms hatten Glück.

Besonders schwer getroffen hatte die Sturmflut Strandbad und Campingplatz in Schillig: Erhebliche Teile des Grodens und der Vordeich dort wurden einfach weggespült, Toiletten- und Küchengebäude, Kinderspielplatz und Wege wurden zerstört. Der Schaden wurde damals auf 474 000 Euro geschätzt.

„Später sahen wir dann die Bilder aus Hamburg – da wurde uns bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten“, sagte Anke Ketteler.