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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

279 Unfälle in vier Monaten – und ein Rettungsgassen-Problem

14.06.2018

Wildeshausen /Ahlhorn /Stuhr /Brinkum Nichts für schwache Nerven: Wer derzeit gezwungen ist, mit dem Auto über die Autobahn 1 im Bereich zwischen Bremen/Brinkum und Stuhr zu fahren, muss vor allem eines mitbringen: ganz viel Zeit und Geduld. Die Baustelle dort ist ein enges Nadelöhr und damit die Dauermeldung der Verkehrsnachrichten. Täglich entstehen kilometerlange Staus von frühmorgens bis in die Abendstunden, ein Horror für jeden Pendler – und für Polizei und Rettungsdienste.

Denn einer der Hauptgründe für die Staus sind Unfälle. Deren Zahl hat sich nicht nur gefühlt erhöht, sondern nach einer vorläufigen Statistik der Polizei auch tatsächlich. Im Jahr 2012 gab es in diesem Bereich bei freier Fahrt 152 Unfälle mit 27 Leichtverletzten, sechs Schwerverletzten und einem Toten. 2016 waren dort viele Wanderbaustellen eingerichtet, die Zahl der Unfälle erhöhte sich auf 253 mit 32 Leicht-, und 18 Schwerverletzten. 2017 nach der Einrichtung der Großbaustelle mit der „4+0-Regelung“ (vier Fahrspuren auf einer Fahrbahnseite ohne Standstreifen) in Fahrtrichtung Hamburg dann eine Verdoppelung der Unfallzahlen: 508 Unfälle mit 81 Leicht- und zehn Schwerverletzten. Seit der Einrichtung der neuen Baustelle im Februar dieses Jahres hatte die für den Bereich zuständige Autobahnpolizei in Ahlhorn alle Hände voll zu tun, es gab in den vier Monaten Februar bis Mai bereits 279 Unfälle mit 63 Leichtverletzten, drei Schwerverletzten und einem Toten.

Welche Strafen bei Nichtbildung einer Rettungsgasse drohen

Grundsätzlich müssen nur die an einem Unfall beteiligten Personen vor Ort bleiben, erklärt Stefan Herbers, Fachanwalt für Verkehrs- und Arbeitsrecht in Oldenburg. Anderenfalls machen sich diese wegen eines unerlaubten Entfernens vom Unfallort strafbar (§ 142 StGB). Dritte müssen vor Ort bleiben, wenn erste Hilfe benötigt wird. Anderenfalls droht eine Strafbarkeit wegen unterlassener Hilfeleistung (§ 323c StGB), sagt Herbers.

Wer später zum Unfallort gelangt und „nur“ gafft, dem droht eine Geldbuße von 20 bis zu 1000 Euro. Wird der Seitenstreifen befahren oder dort geparkt, drohen Geldbußen von 20 beziehungsweise 25 Euro, wenn eine Behinderung der Rettungskräfte vorliegt, erklärt Herbers.

Wer bei stockendem Verkehr auf der Autobahn keine Rettungsgasse für Helfer bildet, dem droht eine Geldbuße in Höhe von 200 Euro. Werden Dritte gefährdet, beträgt die Geldbuße 280 Euro. Kommt es zu einem Schaden, erhöht sich die Geldbuße auf 320 Euro. In den letzten beiden genannten Fällen kommt ein einmonatiges Fahrverbot hinzu. Entsprechendes gilt im Übrigen auch, wenn einem Einsatzfahrzeug mit eingeschalteten Warnsignalen nicht Platz gemacht wird. Auf die Rettungsgasse kommt es hier nicht an.

Die Hauptunfallursache ist erstaunlicherweise nicht das Auffahren am Stauende. „Es sind in gut 70 Prozent aller Fälle vor allem Bagatellunfälle innerhalb des Staus, weil Autofahrer unaufmerksam sind, sich im Längsverkehr berühren oder beim Einfädeln Fehler machen“, erläutert Polizeihauptkommissar Werner Johannes, Leiter des Streifen- und Einsatzdienstes in Ahlhorn. „Die Folgen für den Verkehr sind erheblich: Weil die Unfallbeteiligten in der Baustelle stoppen, bildet sich im Nu ein langer Rückstau.“ Dabei wäre das eigentlich gar nicht immer nötig, denn: „Wenn die Fahrzeuge fahrbereit sind, muss die Unfallstelle sofort geräumt werden“, appelliert Johannes an die Vernunft der Autofahrer. Und: „Man kann mit einem Handy schnell ein Übersichtsfoto zur Beweissicherung machen, dann sollten alle Unfallbeteiligten die nächste Nothaltebucht anfahren oder die nächste Ausfahrt nehmen und die Polizei rufen.“ Lkw-Fahrer, die auf die unsinnige Idee kommen, noch schnell vor dem Stau auf die mittlere Fahrspur zu wechseln, weil es dort vermeintlich schneller vorangeht, weist Johannes darauf hin, dass dies nicht nur die Bildung einer Rettungsgasse erschwert, sondern auch nicht erlaubt ist.

Die Möglichkeiten der Polizei, einfach durch Präsenz oder andere Maßnahmen für weniger Staus zu sorgen, seien begrenzt, sagt Polizeipräsident Johann Kühme: „Die Polizei ist im ständigen Austausch mit allen beteiligten Behörden und Baufirmen über die besten Maßnahmen, den Verkehr am Fließen zu halten, auch durch optimale Beschilderung.“ Aber das hohe Verkehrsaufkommen von durchschnittlich bis zu 60 000 Fahrzeugen pro Tag mit einem hohen Lkw-Anteil führe zwangsläufig zu Rückstaus, selbst wenn es keine Unfälle gäbe, weil hier auch noch das Autobahnkreuz Stuhr mit der Zusammenführung der A1 und der A28 und das Kreuz Brinkum A1/B6 für zusätzliche Verkehrsbelastungen im Baustellenbereich sorgten.

Noch bis November wird die Situation bleiben wie sie ist, was für die Ferienzeit nichts Gutes ahnen lässt. Ab November heißt es zwischen Stuhr und Brinkum für die geschätzt nächsten 20 Jahre (so lange soll die neue Fahrbahn mindestens halten) dann wieder freie Fahrt. Allerdings ist danach schon wieder „Schluss mit lustig“, wie Frank Zielesny, stellvertretender Leiter der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Oldenburg, bestätigt: „Dann beginnen die Arbeiten für die Brücke über die Ochtum östlich des Kreuzes Brinkum/B6 mit der nächsten Dauerbaustelle.“ Was bedeutet: wieder ein Nadelöhr auf der A1 durch eine „4+0-Regelung“.

Thomas Haselier

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