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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Hat die Besatzung die Bergung sabotiert?

10.11.2017

Wilhelmshaven /Bremerhaven /Berlin Neue Fragen und Ungereimtheiten sind im Zusammenhang mit der Havarie des Massengutfrachters „Glory Amsterdam“ vor der ostfriesischen Insel Langeoog aufgetaucht. Der 225 Meter lange unbeladene Frachter war am Sonntag vor einer Woche außer Kontrolle geraten und am Abend vor der ostfriesischen Insel Langeoog gestrandet.

Im Rahmen der Ermittlungen zur Unfallursache muss unter anderem die Frage untersucht werden, ob die chinesische Besatzung des Havaristen gar nicht wollte, dass ihr Schiff von einem Schlepper auf den Haken genommen wurde. Experten sprechen hinter vorgehaltener Hand von Sabotage. Die Fehler, die während mehrerer Rettungsversuche auf der „Glory Amsterdam“ gemacht wurden, sind nach Expertenmeinung so gravierend, dass nicht mehr von Fahrlässigkeit gesprochen werden könne, sondern der Verdacht der Sabotage im Raum stehe. Wasserschutzpolizei und Staatsanwaltschaft haben inzwischen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Das Motiv dafür könnte die Tatsache sein, dass eine Strandung aus der Sicht einer Reederei in Asien ein Versicherungsfall sei, die Rettung durch einen Bergungsschlepper jedoch einen nicht unerheblichen Kostenfaktor darstelle. Schlimmstenfalls sei es denkbar, dass der Kapitän der 22köpfigen Besatzung die Weisung erhalten habe, alles zu unternehmen, um Schlepper-Hilfe zu verhindern.

Die Tatsache, dass es trotz aller Sicherheitsvorkehrungen in der Deutschen Bucht nicht gelungen ist, das in Panama gemeldete Frachtschiff vor dem Stranden im Wattenmeer zu bewahren, wurde in dieser Woche am Rande einer Seeschifffahrts-Sicherheitskonferenz im Bundesverkehrsministerium intensiv diskutiert.

Während der Parlamentarische Staatssekretär im Verkehrsministerium, Enak Ferlemann (CDU) gegenüber der NWZ darauf verwies, dass die Konzepte zum Schutz der Nordseeküste ständig überprüft und verbessert würden, gab es bei den Sicherheitsfachleuten für den Seeverkehr kritische Nachfragen zu dem Scheitern des Einsatzes.

Dabei wurde herausgestellt, dass das vorhandene Notschleppkonzept für die Deutsche Bucht im Prinzip ausreichend sei. Auch die Besatzung des Notschleppers „Nordic“ habe hochprofessionell gearbeitet. Unverständnis wurde über einige operative Einsatzentscheidungen geäußert.

So sei beispielsweise erst relativ spät eine rechtliche Verfügung über den Notschlepper-Einsatz getroffen worden, nachdem der chinesische Kapitän am frühen Vormittag mehrfach die freiwillige Annahme von Hilfe durch den Schlepper „Nordic“ abgelehnt hatte, weil er die Lage unter Kontrolle hätte.

Danach hat es offenbar bis Mittags gedauert, bis im Cuxhavener Havarie-Kommando die Entscheidung getroffen wurde, dass die „Nordic“ auch gegen den Willen des Kapitäns der seit den frühen Morgenstunden treibenden „Glory Amsterdam“ helfen solle.

Die nächste nach Expertenmeinung fragwürdige Entscheidung fiel später, als der Hubschrauberpilot, der die Bergungsexperten von der „Nordic“ zur „Glory Amsterdam“ bringen sollte, das Vorhaben wegen des böigen Windes abbrechen musste. Die Überlegung, die relativ schnelle „Nordic“ in Richtung Jade laufen zu lassen, wo die Windverhältnisse „unter Land“ besser waren, wurde verworfen. Stattdessen fiel in Cuxhaven die Entscheidung, das in Warnemünde stationierte Boarding-Team Ostsee zu alarmieren und in die Nordsee zu holen.

Mit diesem Beschluss wurde automatisch eine erhebliche zeitliche Verzögerung in Kauf genommen. Während ein Abdrehen der „Nordic“ in ruhigere Gefilde und ihre Rückkehr zur treibenden „Glory Amsterdam“ vielleicht eine Stunde gedauert hätte, war das Einsatzteam aus Warnemünde erst nach mehr als vier Stunden vor Ort – und das ohne das für solche Einsätze vorgesehene Spezialgerät, das dann mit einem weiteren Hubschraubereinsatz von der „Nordic“ geholt werden musste.

Bis das Boarding-Team Ostsee endlich an Bord der „Glory Amsterdam“ war, hatte es insgesamt vier fehlgeschlagene Versuche gegeben, eine Schleppverbindung mit dem havarierten Frachter herzustellen. Dabei war es der chinesischen Besatzung nicht gelungen, die Rettungsleinen sachgerecht anzunehmen und zu befestigen.

Besonders gravierend verlief der letzte Versuch. Aus dem von Experten mitgehörten UKW-Funkverkehr soll sich ergeben, dass die „Nordic“-Besatzung angeordnet hatte, zwei am Heck des Havaristen befindliche Doppelpoller mit der Schleppverbindung zu belegen, um die Zugkraft des Schleppers so auf vier Pollerköpfe zu verteilen. Tatsächlich sei aber nur ein einziger Pollerkopf an der hinteren Steuerbordseite der „Glory Amsterdam“ mit der Rettungsleine belegt worden. Dieser Schiffspoller wurde beim anschließenden Schleppversuch mitsamt einem Stück Reling schlichtweg weggerissen.

Am Ende musste der Einsatz wenige Minuten nach Eintreffen der deutschen Experten abgebrochen werden, weil die Wassertiefe für einen weiteren Einsatz des Hochseeschleppers „Nordic“ nicht mehr ausreichte. Das bittere Ergebnis: Strandung der „Glory Amsterdam“ um 18.45 Uhr vor Langeoog, nachdem sie sich am frühen Morgen selbstständig gemacht hatte.