Oldenburger Land - Da kippt ein Mensch um, einfach so. Die Kollegen aus der Fabrik laufen zu ihm, sag’ doch was, rufen sie, aber der Mensch sagt nichts. Er bewegt sich auch nicht, atmet er überhaupt noch? Wir brauchen einen Arzt!, brüllt ein Kollege, ein anderer rennt zum Telefon, er wählt 112.
Es ist 10.34 Uhr, und bei Philipp Michel, Tisch 407, geht mal wieder die rote Lampe an.
„Notruf, Feuerwehr und Rettungsdienst“, meldet sich Michel, 38 Jahre alt: „Wo ist der Einsatzort?“
Doppelt so viele Anrufer
2000 Notrufe für 112 und 110, jeden Tag. Die rote Lampe über Tisch 407 leuchtet, die Lampen über 406, 408 und 409 leuchten ebenfalls. Arno Rauer, der Schichtführer, kann die Anrufe da hinten auf seinem Monitor sehen: „Chirurgischer Notfall“ in Oldenburg, vermutlich Achillessehnenriss. „Internistischer Notfall“ in Delmenhorst, womöglich Herzinfarkt. „Bewusstlose Person“ im Landkreis, der Anruf aus der Fabrik. „Es ist recht ruhig heute“, sagt er.
Neben Rauers Schichtführertisch hängt eine Karte an der Wand, sie zeigt in Rot das 112-Gebiet: vier Landkreise, zwei kreisfreie Städte, 4200 Quadratkilometer, 725 000 Menschen. Die Karte zeigt auch das 110-Gebiet, es ist blau: 11 200 Quadratkilometer, 1,7 Millionen Menschen.
Die Polizei sitzt gleich nebenan hinter der Glastür, gerade geht über Tisch 216 die rote Lampe an. „Polizeinotruf. Möchten Sie einen Notfall melden?“, fragt Polizeikommissar Kristof Hanke, 38 Jahre alt. Ja!, ruft jemand am anderen Ende der Leitung: In Lilienthal wurde mein Geräteschuppen aufgebrochen, die Hifi-Anlage ist weg!
„Einbruch SV“ tippt Hanke in den Computer ein, SV bedeutet „Sachverhaltsaufnahme“. Manchmal muss er „Einbruch TO“ eingegeben, dann müssen die Kollegen aufpassen, TO heißt: Täter vor Ort.
2000 Notrufe: Das sind doppelt so viele wie vor 15 Jahren. Woran liegt das?
Hans Rüger, 59 Jahre, ist Geschäftsführer der „Anstalt öffentlichen Rechts Großleitstelle Oldenburger Land“, kurz AöR genannt; er spricht sozusagen für den Notruf 112 in den sechs AöR-Kommunen. Rüger hat bunte Grafiken mitgebracht, auf denen in Rot und Blau und Violett zu sehen ist, wie oft Hilfe angefordert wurde in den vergangenen Jahren und vor allem: wer sie angefordert hat. „Ab dem 70. Lebensjahr“ sagt Rüger, „verdoppelt sich die Inanspruchnahme des Rettungsdienstes.“ In einer immer älter werdenden Gesellschaft müssen Rettungsdienste also immer öfter ausrücken.
In den Landkreisen gab es bislang häufig sogenannte Ein-Mann-Leitstellen, das heißt: Ein Mann nahm alle Notrufe entgegen und schickte die Fahrzeuge raus. „Das ist nicht länger zu verantworten“, meint Rüger. „Da hätten wir das Personal verdoppeln müssen, wir hätten in den nächsten Jahren viel Geld in die Hand nehmen müssen.“
Das wollte man nicht, und deshalb gibt es jetzt die „Kooperative Großleitstelle Oldenburg“, 15 Tische links der Glastür für Notruf 112, 16 Tische rechts der Glastür für Notruf 110. Es gibt auch Räume für Sonderlagen, in einem wurde neulich die Sturmnacht abgearbeitet, „300 Einsätze in zweieinhalb Stunden“, sagt Arno Rauer. In einem anderen begleitete die Polizei jüngst den Mox-Transport über Nordenham, „19 Stunden am Stück“, sagt Polizeidirektor Andreas Sagehorn. Der 46-Jährige leitet die Polizeileitstelle, rechtlich streng getrennt von der AöR-Leitstelle gleich nebenan.
50 Kilometer Kabel
Es ist 10.35 Uhr, links der Glastür poppt vor Michel auf einem Computerbildschirm eine Karte auf, sie zeigt die Fabrik. Ein zweiter Bildschirm zeigt die Rettungsfahrzeuge, der Computer findet einen freien Rettungswagen, 2,28 Kilometer entfernt. Der Wagen schaltet von Grün auf Rot, auf seiner Karte sieht Michel ihn auf die Fabrik zufahren. Auf einem dritten Bildschirm, klappt die „Standardisierte Notrufannahme“ auf, Michel kann jetzt am Telefon Erste-Hilfe-Hinweise geben: Stabile Seitenlage? Patient zugedeckt? Atmung überprüft?
10.38 Uhr, der Rettungswagen schaltet von Rot auf Hellrot, er hat sein Ziel erreicht.
Nebenan bei der Polizei macht sich auf der Computerkarte ein Streifenwagen auf den Weg zu einem Geräteschuppen in Lilienthal. Hanke telefoniert weiter: Wildunfall. Vermisste Person. Tankbetrug. „Das Übliche“, sagt Hanke.
13 Millionen Euro hat die neue Großleitstelle gekostet, die Kosten haben sich AöR und Polizei geteilt. Das meiste Geld verschlang die Technik, 1500 Seiten dick war die Leistungsbeschreibung.
Jetzt liegen da 50 Kilometer Kabel am Oldenburger Friedhofsweg. Im Keller lauert ein Notstromdiesel, 700 PS stark, falls der Strom ausfällt. Nebenan liegt ein ganzer Raum voller Batterien, falls der Notstromdiesel ausfällt. Und es gibt eine zweite Leitstelle, falls Strom und Diesel und Batterien ausfallen, der Ort der Ersatzleitstelle soll nicht in der Zeitung stehen. „Nach menschlichem Ermessen“, sagt Polizeidirektor Sagehorn, „kann nichts schiefgehen.“
Drei Millionen Datensätze sausen durch die Kabel, sie sind immer da, aber nicht immer für jeden zugänglich: Philipp Michel darf laut Gesetz nicht vom Einbruch im Geräteschuppen wissen, Kristof Hanke nicht vom Bewusstlosen in der Fabrik. Aber wenn jetzt bei 110 oder 112 ein schwerer Verkehrsunfall aufläuft, dann poppen die nötigen Informationen gleichzeitig auf allen Rechnern auf. „Wir sind schlagkräftiger als früher“, berichtet AöR-Geschäftsführer Rüger stolz.
Aber Menschen ermessen unterschiedlich, einige sagen deshalb: Es läuft sehr wohl einiges schief, seit die Notrufe alle in Oldenburg auflaufen.
Diese Kritiker erzählen: Da ist die Feuerwehr zu einem Suizid ohne Sprungtuch ausgerückt, das Opfer nahm schweren Schaden. Da wusste der Leitstellenbeamte bei einem Autobrand nicht, wo in Wildeshausen die Kläranlage ist. Da wird ein Notarzt ganz aus Cloppenburg nach Oldenburg zum Einsatz gerufen. Und so weiter.
„Müssen nachjustieren“
Hans Rüger gerät in Rage, wenn er so etwas hört. Das Sprungtuch? „Falsch“, schimpft er, „natürlich hatte die Feuerwehr ein Sprungtuch dabei!“ Die Kläranlage? „Typischer Fall einer unklaren Lagemeldung; der Autofahrer wusste nicht, wo er sich gerade befand“; trotzdem sei die Feuerwehr in acht Minuten vor Ort gewesen. Der Cloppenburger Notarzt in Oldenburg? „Das System nimmt das Fahrzeug, das am schnellsten vor Ort sein kann“; der Cloppenburger hatte einen Patienten in Wehnen besucht und war zufällig nur 3,5 Kilometer vom Einsatzort entfernt. Und so fort. „Die Vorwürfe sind ungerecht“, findet Rüger.
Polizeidirektor Sagehorn beschwichtigt: „Wir müssen sicherlich feinjustieren an einigen Stellen, noch läuft nicht alles rund.“ Falsch sei aber die Behauptung, dass durch die Großleitstelle irgendwem ein Nachteil entstanden sei.
Außer vielleicht einigen Kollegen, zum Beispiel im Raum links der Glastür: Arno Rauer wohnt in Garrel, Philipp Michel kommt aus Cloppenburg. Sie müssen jetzt zur Arbeit nach Oldenburg pendeln. „So ist das halt“, sagt Rauer.
10:57 Uhr: Der Rettungswagen schaltet zurück auf Grün, der Mensch in der Fabrik spricht wieder. Er will nicht mitfahren, „Transport verweigert“, meldet der Krankenwagenfahrer an Michel.
In Lilienthal braucht die Polizei noch ein wenig länger: Die Spurensicherung hat gerade erst begonnen.
