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NWZonline.de Region Bremen

Altes Handwerk In Bremen: Der letzte Fassmacher von der Weser

10.09.2020

Bremen In der Fassfabrik Alfred Krogemann in Bremen-Gröpelingen scheint die Zeit seit Langem still zu stehen - zumindest auf den ersten Blick. In der Werkstatt, in den Lagerhallen und auf dem Hof stapeln sich hunderte gebrauchte Fässer mit Patina: kleine, mittlere, große. Drinnen und draußen warten unzählige Eichenbretter darauf, zu neuen Fässern verarbeitet zu werden. In fast jeder Ecke steht eine andere Maschine, teilweise sind sie über 100 Jahre alt - so wie die, in der ein Fass verzinkte Reifringe aufgepresst bekommt. „Mein Vater nennt sie „das Biest““, sagt Fassmacher Christoph Krogemann, der die Werkstatt Anfang 2019 von seinem Vater Alfred Krogemann übernommen hat.

Negativ ist der Spitzname für die Maschine nicht gemeint, im Gegenteil: „Sie läuft noch wie am ersten Tag“, betont der 37-Jährige. Auch die mit Holz befeuerte Fass-Sauna, in dem die Fassrohlinge im heißen Wasserdampf biegsam gemacht werden, hat schon Jahrzehnte auf dem Buckel. „Nach einer halben Stunde im Kochkessel ist das Holz wie Gummi“, sagt Krogemann. Dann können die Längsstäbe - Dauben genannt - gebogen werden, um einen Reifen draufzusetzen.

Eichenfässer weltweit verkauft

Christoph Krogemann führt die Bremer Böttcherei in dritter Generation. In die ganze Welt hat seine Familie schon Eichenfässer an Weingüter und Destillerien geliefert, die diese zum Lagern und Reifen ihrer flüssigen Delikatessen benötigen. Mal werden neue Fässer verkauft, mal gebrauchte, die Krogemann aufarbeitet.

Die Unternehmensgeschichte der Fassfabrik ist bis ins Jahr 1902 belegt, doch die Ursprünge reichen ins Mittelalter. Damals gab es viele Fassmacher in Bremen, die historische Böttcherstraße - heute eine Touristenattraktion - zeugt davon. In dieser Gasse zwischen Weser und Marktplatz hatten sich viele Fassmacher angesiedelt. Das Handwerk verlor mit dem Wandel in den Häfen schließlich an Bedeutung.

Die Fassfabrik Krogemann aber blieb, als einzige an der Weser und sogar in ganz Norddeutschland - weil sie mit der Zeit ging. „Ohne Internet würde es uns nicht mehr geben“, glaubt Christoph Krogemann. Im Online-Shop bietet er nicht nur Barrique- und Whiskyfässer an, sondern auch dekorative Pflanzkübel und Regentonnen aus alten Fässern.

Auch der Boom an Destillerien steigerte die Nachfrage, erzählt Krogemann. Die Spirituosen-Hersteller nähmen gerne alte Wein- oder Schnapsfässer, die ihr Aroma an die neuen Füllungen abgeben. Die mit Rotwein, Sherry, Rum oder Whiskey getränkten Dauben von 225-Liter-Fässern werden dafür gekürzt und zu kleineren 30- oder 100-Liter-Fässern umgebaut.

Kaum Fassmachernachwuchs

Jetzt aber startet die Weinlese und damit steigt auch die Nachfrage nach neuen Barriquefässern. Barrique steht für die französische Bezeichung und Mengeneinheit eines 225-Liter-Holzfasses. Bei der Herstellung hilft inzwischen eine computergesteuerte Maschine. Die verkürzt die Arbeitsschritte enorm. Das sei auch nötig, sagt Krogemann, denn Fassmachernachwuchs gibt es so gut wie nicht mehr. In seinem Betrieb hat er fünf Leute beschäftigt, auch seine Frau Nicole hilft mit. Abgesehen von der Unterstützung durch neue Maschinen hat sich das Handwerk in Jahrhunderten kaum verändert.

Bevor die fertigen Fässer ausgeliefert werden, müssen sie mit Feuer von innen „getoastet“ werden. Das verhindert, dass die bauchig geformten Dauben mit der Zeit wieder gerade werden und brechen. Aber es geht beim Toasten auch um den künftigen Geschmack der Weine. „Durch das Feuer wird die Gerbsäure im Holz in Aromastoffe wie Kaffee, Brombeere oder Vanille umgewandelt“, erklärt Krogemann. Entscheidend für die Geschmacksrichtung sei zum einen, woher das Holz stamme. „In amerikanischer Eiche steckt ganz viel Vanille.“ Wichtig sei aber auch, wie getoastet werde. „Schnell und heiß ergibt Röstaromen wie beim Kaffee.“

Dass er den Betrieb seines Vaters und Großvaters einmal übernehmen würde, war für Christoph Krogemann nicht von Anfang an klar, auch wenn er seine Kindheit in der Werkstatt verbrachte. Nach der Schule machte er eine Möbeltischlerlehre, arbeitete kurz beim Vater und ging dann für 15 Jahre in die Schweiz, um dort als Fassmacher zu arbeiten. Dort gefiel es ihm sehr gut. In der Schweiz lernte er seine Frau - eine Schweizerin - kennen, bekam mit ihr zwei Kinder.

Als Christoph Krogemanns Vater Alfred mit 77 Jahren kürzertreten wollte, kehrte er schließlich der Schweiz den Rücken zu und ging mit seiner Familie nach Bremen. „Es wäre doch zu schade gewesen, das hier aufzugeben“, sagt Christoph Krogemann und schaut sich in der Werkstatt um. Dabei bleibt sein Blick auf dem „Biest“ hängen: Eine Maschine, die schon der Lehrherr seines Großvaters bedient hat - und auch noch die nächsten Jahre ihre Dienste leisten soll. Tradition verpflichtet eben. Ob seine Töchter das Geschäft einmal übernehmen werden? Sie gehen derzeit in den Kindergarten.

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