BREMEN - Kirche und Schule gehen Hand in Hand. Jugendliche begeistern sich für ihre Aufgabe.

Von Dieter Sell

BREMEN - Marcel steht im Funkenregen. Millimeter für Millimeter schleift der Berufsschüler auf einem alten Zahnrad. Mit ihm waren jetzt 40 Jugendliche damit beschäftigt, eine tonnenschwere Ankerwinde für den Seeklipper „Verandering“ zu restaurieren.

Einst ein holländisches Schiff, gehört der Ende des 19. Jahrhunderts gebaute Zweimaster nun der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). „70 Jahre alter holländischer Guss“, erklärt Berufsschullehrer Jens Göcke, während Marcel weiterschleift. Viele Zahnräder sind ausgebrochen und müssen nun mit speziellen Elektroden aus Kobalt und Chrom mühsam aufgebaut werden. Schweißen, schleifen, schweißen, schleifen – Naht für Naht.

„Irre viel Arbeit. Aber das Projekt begeistert die Jungs“, berichtet Göcke. Der holländische Name des Schiffes – übersetzt „Veränderung“ – ist in diesem Punkt Programm. „Das ist eine Herausforderung, so macht Unterricht Spaß“, sagt der 16-jährige Marcel über die ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Kirche und Schule. „Da weiß ich, wofür es gut ist.“

Normalerweise muss der stählerne Koloss zwei jeweils 300 Kilo schwere Anker aus dem Meer hieven, wenn das fast 25 Meter lange und knapp sechs Meter breite Plattbodenschiff im Watt unterwegs ist.

Die Kirche kaufte den Segler vor fünf Jahren für 205 000 Euro in Holland. Eine 100-köpfige – zumeist ehrenamtliche – Projektgruppe um Landesjugendwart Hans-Albert Eike sorgt dafür, dass die alte Dame fit bleibt. Auch Berufsschullehrer Göcke gehört dazu.

„Ziel war es, frischen Wind in die kirchliche Jugendarbeit zu bringen“, erläutert Eike. Und Göcke schwärmt: „Die Ankerwinde ist ein ideales Übungsstück.“

Das hat sich schon beim Zerlegen des verrosteten Ungetüms gezeigt, das nur mit Spezialwerkzeug der Bremer Stahlwerke funktionierte. Danach wurde gebohrt, gedreht, geschweißt, geschliffen.

Skizzen dokumentieren die Funktionsweise des Getriebes und vermitteln mechanische Grundbegriffe. „Wer schon mal einen Fuß auf ein altes Schiff gesetzt hat, weiß: Ist man hinten fertig, kann man vorne wieder anfangen“, seufzt Projektleiter Eike. „Wie eine alte Scheune, die immer wieder geflickt werden muss“, stimmt Göcke ein. Für die Jugendlichen, allesamt ohne Hauptschulabschluss, ist die Arbeit in der zweijährigen Eingangsstufe an der Berufsschule Kerschensteiner Straße so etwas wie eine letzte Chance.

Eine letzte Chance, um auf dem Arbeitsmarkt Anschluss zu finden. Doch trotz praxisnahen Unterrichts sind einige Hände tief in den Taschen vergraben, ist das Handy für manche interessanter als das Hebelgesetz. Doch Göcke ist optimistisch: „Wenn sie das hier gemeistert haben, klappt es besser.“

Mehr Infos unter

www.verandering.de