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NWZonline.de Region Bremen

Schifffahrt: Im Sturm das „Blaue Band“ erobert

25.03.2020

Bremen /Bremerhaven Am 19. März 1930 zieht über dem Nordatlantik ein Sturm heran, als der Schnelldampfer „Europa“ des Norddeutschen Lloyd (NDL) von der Bremerhavener Columbuskaje zu seiner Jungfernfahrt nach New York ablegt. Trotzdem will Kapitän Nikolaus Johnsen versuchen, der „Bremen“ das begehrte „Blaue Band“ abzujagen. Das Schwesterschiff der „Europa“ hatte die Trophäe für den schnellsten Atlantikliner im Juli 1929 nach Bremen geholt.

Halbe Stunde schneller

Mit ihren elegant abgerundeten Aufbauten und den beiden ungewöhnlich niedrigen ockergelben Schornsteinen wirken beide Liner wuchtig, dynamisch und viel moderner als die Konkurrenz. Eine 1000 Mann starke Besatzung sorgt für einen sicheren Schiffsbetrieb und verwöhnt 2200 Passagiere in der 1. und 2. Klasse mit purem Luxus in großbürgerlichem Ambiente.

Kurz hinter Cherbourg nimmt die Dünung zu. Mit Stärke 7 bläst der Westwind fast von vorn, als die „Europa“ Bishops Rock auf den Scilly-Inseln passiert. Hier startet die Wettfahrt. Die „Bremen“ hat ihren Rekord bei fast glatter See erzielt. Lassen sich ihre 27,8 Knoten bei diesem rauen Wetter übertreffen? Werden die Turbinen das Rennen durchstehen? Bei den Probefahrten hatten sie Probleme gemacht. Jetzt sollen sie überwunden sein, haben die Garantieingenieure der Bauwerft Blohm & Voss versichert.

Nach Tagen und Nächten voller Spannung und harter Arbeit im Maschinenraum, nach 3157 Seemeilen (fast 6000 Kilometer) gehört das „Blaue Band“ der „Europa“. Vier Tage, 17 Stunden und sechs Minuten hat sie bis zum Ambrose-Feuerschiff vor New York gebraucht. Ihr Durchschnitt: 27,9 Knoten – eine halbe Stunde schneller als die „Bremen“. Für den Lloyd ist das eine erstklassige Werbung.

Von der „Europa“ hatten das nur wenige erwartet. Mitte August 1928 war sie in Hamburg vom Stapel gelaufen, vom amerikanischen Botschafter in Berlin als „letztes Wort im Schiffbau“ gefeiert. Doch dann verzögerte ein Streik den Bau und Ende März 1929 brach ein Brand aus. Wegen des Löschwassers im Rumpf drohte die „Europa“ zu kentern. Deshalb wurde sie auf Grund gesetzt. Danach glich sie einem Schrotthaufen. Ingenieure und Arbeiter schafften das scheinbar Unmögliche: Die „Europa“ wurde gehoben, aufgeräumt und neu ausgerüstet – unter enormem Zeitdruck, weil der Lloyd ungeduldig auf den Liner wartete, den er als Fahrplanpartner für die „Bremen“ dringend benötigte.

Krieg überstanden

Zehntausende drängten sich an beiden Ufern der Elbe, als die „Europa“ am 22. Februar 1930 die Werft verließ. Mit fast 290 Metern Länge war sie das größte Schiff, das seit dem Ersten Weltkrieg in Hamburg gebaut worden war. Im tiefen Wasser vor Norwegen sollte die „Europa“ zeigen, was sie konnte. War sie fit für den Liniendienst nach New York? Als sich ein Turbinenschaden ankündigte, keimten Zweifel. Die zweite Probefahrt brachte den Durchbruch: Zwölf Turbinen mit 136 400 PS trieben die „Europa“ auf fast 29 Knoten – mehr als 50 Kilometer pro Stunde. Das reichte allemal für den Rekordversuch.

Bis zum Zweiten Weltkrieg tat die „Europa“ Dienst auf dem Atlantik, dann nutzte die Kriegsmarine sie als Wohnschiff in Bremerhaven. Anders als die 1941 ausgebrannte „Bremen“ überstand die „Europa“ den Krieg und ging als Beute an Frankreich. 1946 riss sich das in „Liberté“ umbenannte Schiff während eines Sturms in Le Havre los und schlug leck. Erneut sank es, wurde gehoben und repariert. 1950 bejubelten die New Yorker die „Liberté“ bei ihrer ersten Ankunft unter der Trikolore. 1962 wurde sie abgewrackt.

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