BREMEN - Heftig bläst Leonard in die Trillerpfeife. Im Schneeregen steht er auf dem Bahnhofsvorplatz. Der Zehnjährige besucht die fünfte Klasse am Kippenberg-Gymnasium. Er streikt zum ersten Mal in seinem Leben. Mit ihm viele andere: Von 2000 sprechen das Bremer Schülerbündnis und die Gesamtschülervertretung, von rund 800 die Polizei.
Was Leonard fordert? Kleinere Klassen, sagt er. 31 Schüler seien in seiner. Auf der Grundschule seien sie nur 21 gewesen. „Das war entspannter, auch für die Lehrer.“
In Sternmärschen sind die Schüler zum Bahnhof gezogen, weiter zur Bildungsbehörde am Rembertiring und zur Kundgebung auf dem Marktplatz. Tanzend, mit Musik und mit lauten Rufen.
Erst im vergangenen Herbst hatte es deutschlandweit Bildungsproteste gegeben. „Seit den jüngsten Streiks wurde auf unsere Forderungen gar nicht eingegangen“, sagt Jonas Deyda, Organisator der Demo. „Es gibt keine Bemühungen, an den Problemen etwas zu ändern.
Turbo-Abi nach zwölf statt 13 Schuljahren, Leistungsdruck, Frontalunterricht, das Notensystem. „Wir sind mit einer Lernsituation konfrontiert, in der es nur um Durchbeißen und Konkurrenz geht“, sagt Jonas. Und dann noch das Zwei-Säulen-System aus Gymnasien und Oberschulen, wie es das neue Schulgesetz vorsieht. „Das wird zwar als eine Schule für alle propagiert – so wie wir es uns wünschen“, sagt er, „es gibt aber weiterhin verschiedene Schulformen und die Schüler werden selektiert“.
Die Schüler hätten „grundsätzlich andere Vorstellungen von Bildung“, sagt Jonas: Selbstbestimmt und gemeinsam wollten sie lernen. An Schulen, die gerecht sind und auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingehen. Der Siebtklässlerin Aylin geht es um das, was ihr täglich fehlt: „Zeit“, sagt die 13-Jährige. „Der Stoff muss viel zu schnell durchgenommen werden.“
Wie reagiert das Bildungsressort auf die Beschwerden der Schüler? „Uns wurde nichts zugetragen“, sagt Behördensprecher Manfred Ruberg. Man habe die Kundgebung zwar bemerkt, „aber es hat von Seiten der Schüler keine Kommunikation mit uns gegeben.“ Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Anja Stahmann, lobt das Engagement. „Sie setzen sich, entgegen aller Unkenrufe, für ihre Belange ein.“ Ansonsten verweist Stahmann auf die laufende Schulreform. Ab 2011 sollen rund 100 Referendare eingestellt werden.
