BREMEN - Die Denkmalpflege Bremen informiert zu Details: Eine neue Veröffentlichung über die Geschichte des St.-Jürgen-Asyls ist neu erschienen.
Von Jörg Esser
BREMEN - „Der gehört ja nach Ost.“ Dieser Spruch fällt häufig im Weserstadion, wenn der Schiri merkwürdig pfeift. Er fällt immer dann, wenn ein Bremer meint, ein gewisser Mensch gehöre in psychiatrische Behandlung. Mit Ost ist das Klinikum Ost gemeint. Auf dessen Areal werden seit über 100 Jahren psychisch kranke Patienten behandelt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Probleme mit dem viel zu kleinen „Irrenhaus“ auf dem Gelände der Städtischen Krankenanstalten an der St.-Jürgen-Straße immer auffälliger. Eine Reform schien notwendig. Doch der Senat zögerte zunächst.1897 entschloss sich die Landesregierung dann doch, ein Areal beim Dorf Ellen für den Neubau einer Psychiatrischen Klinik zu erwerben. Dort wurde dann zwischen 1900 und 1904 das St.-Jürgen-Asyl errichtet, von 1907 und 1915 erweitert. Leiter und Planer der neuen Klinik war Anton Delbrück. Der ließ auf dem Gelände eine „koloniale Anstalt“ mit diversen Gebäuden erstellen, die nach einem Pavillonsystem angelegt waren.
Jede Symmetrie wurde bewusst vermieden. Gut 100 Jahre später stehen – mit Ausnahme des alten Gesellschaftshauses („Haus im Park“), das 2001 durch ein Feuer zerstört wurde – noch fast alle Gebäude des St.-Jürgen-Asyls. 2005 sind sie als „Denkmalgruppe“ unter Denkmalschutz gestellt worden. „Der Gesamtcharakter der Anlage mit dem Ausdruck einer in einem Park gelegenen Villenkolonie ist noch sehr gut präsent“, schreibt Rolf Kirsch im jetzt erschienenen „Heft 3 der Schriftenreihe Denkmalpflege in Bremen“. Zurück zu zum St.-Jürgen-Asyl: Der Verzicht auf jedwede Symmetrie sollte der Anlage „ein sehr freundliches Aussehen geben, das sich äußerst glücklich in das umgehende Landschaftsbild einfügt“, formulierte Delbrück. „Eine freundliche Zufluchtsstätte“ nannte es der verantwortliche Baurat Hugo Weber. Das St.-Jürgen-Asyl war eine kombinierte Heil- und Pflegeeinrichtung mit geschlossener Zentralanstalt und offenen Stationen sowie einer „Verwahranstalt für psychisch kranke Kriminelle“. Es war
zugleich ein autonomes Gebilde mit integrierter Energieerzeugung im Kesselhaus, mit Wäscherei, Bäckerei, Werkstätten, Ärztewohnungen, Betsaal, Leichenhaus und Krematorium.
Die asymmetrische Anordnung der Häuser war wohl durchdacht – es gab eine westliche Frauen- und eine östliche Männerseite, die Sonderbauten dienten als „geschwungener Trenngürtel“ (Kirsch). Die 1900 bis 1904 erbauten Gebäude stammen vom Bremer Architekten Hugo Wagner, der auch die Kaffee-HAG-Fabrik und den Waller Wasserturm entwarf.
Als typisch für die Bauten des St.-Jürgen-Asyls gelten Rund- und Stichbogenfenster, vielgestaltige Baukörper mit Veranden, Erkervorbauten und Zwerchhäuser. „Eine gewisse Nähe zur englischen Landhausarchitektur ist unverkennbar“, so Kirsch. Die Bauten der zweiten Phase (1907 bis 1915) hat Hans Ohnesorge entworfen. Sie passten sich gut in das vorhandene System ein. Sehr wohl sei aber eine „deutlich nüchternere, sachlichere Gestaltung“ erkennbar.
Das „Heft 3 der Denkmalpflege in Bremen“ ist übrigens im Bremer Verlag Edition Temmen erschienen und für 5,90 Euro im Buchhandel erhältlich.
