BREMEN - An diesem Mittwoch hat der Bremer Geowissenschaftler Dr. Till Hanebuth einen ganz speziellen Termin in der Radiologischen Gemeinschaftspraxis am St.-Joseph-Stift. Doch nicht der Geowissenschaftler ist der Patient. Vielmehr hat er einen langen Sedimentkern im Gepäck, der vor gut einem Jahr während einer Expedition am Grund des Südatlantiks erbohrt wurde.

Der Forscher am Uni-Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (Marum) will diesen ungewöhnlichen „Patienten“ röntgen lassen, um im Detail zu verstehen, wie sich dieser Meeresboden während der vergangenen 300 000 Jahre aufgebaut hat. Der mit 35 Metern außergewöhnlich lange Kern stammt vom Kontinentalhang vor Uruguay. Dort wurde er in einer Wassertiefe von 1190 Metern mit dem Meeresboden-Gerät „MeBo“ erbohrt.

„MeBo“, so Albert Gerdes vom Marum, ist ein sieben Meter hoher und zehn Tonnen schwerer Bohrturm, der in Wassertiefen von bis zu 2000 Metern operieren kann. Vor Uruguay war das High-Tech-Gerät auf dem deutschen Forschungsschiff „Meteor“ im Einsatz. Wie überall, so ist auch der Kontinentalhang vor Uruguay Bindeglied zwischen den flachen Küstengewässern und der Tiefsee. Die untermeerischen Hänge stehen im Fokus der geowissenschaftlichen Forschung. Gerdes: „Einerseits sind sie so steil, dass Hangpartien ins Rutschen kommen können. Diese Rutschungen können sogar Tsunamis auslösen. Andererseits sind die Hänge gerade vor Uruguay starken Meeresströmungen ausgesetzt.“ Die sorgen über die Jahrtausende für Nachschub an Sediment, sagt der Wissenschaftler. Die Region spielt also im Materialhaushalt des Südatlantiks eine wesentliche Rolle. Die Ablagerungen, die bis zu mehreren 100 Meter mächtig werden können, sind zudem Archive für die Klimageschichte. Hanebuth ist am Nachmittag mit Neurologe Dr. Stephan Harmers in seiner Praxis verabredet – schließlich haben die Patienten Vorrang.