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NWZonline.de Region Bremen

Geschichte: Ein Reiseführer für Weltkriegspiloten

06.05.2020

Bremen „Bomber’s Baedeker – Part I Aachen-Küstrin“ heißt eine 422 Seiten umfassende Kladde, die 1944 in England verfasst wurde. Inhalt: Eine Auflistung deutscher Städte mit mehr als 1000 Einwohnern, ergänzt um detaillierte Informationen über mögliche Ziele für die britischen Bomberverbände. Bremen und Bremerhaven werden darin acht Seiten gewidmet.

Der Name der unscheinbaren Kladde geht zurück auf den Koblenzer Verleger Karl Baedeker 1832 der Reiseführer veröffentlichte. Exakt 173 Luftangriffe mussten die Bremer während des Zweiten Weltkriegs über sich ergehen lassen. 41 629 Sprengbomben und 847  758 Brandbomben warfen die alliierten Bomberverbände zwischen 1940 und 1945 ab, 3852 Menschen verloren ihr Leben.

„Das seinerzeit hochgeheime Werk ist keine Navigationsanleitung für die Bomber-Besatzungen der britischen Royal Air Force (RAF)“, sagt Bremen-Historiker Peter Kurze, der sich intensiv mit „Bomber’s Baedeker“ beschäftigt hat. „Es ist ein Datenpool von kriegswichtigen Objekten, zusammengestellt vom britischen Ministerium für wirtschaftliche Kriegsführung.“

Fachleute für Rüstung, Verkehr und Industrie sowie Deutschlandkenner brachten ihre Kenntnisse und Analysen zu Papier. Dabei bewerteten sie die einzelnen Objekte in Kategorien von 1 bis 3 nach ihrer Relevanz. Industrieanlagen mit einer 1+ waren als kriegsentscheidend eingestuft. In Bremen und Bremerhaven sind 39 potenzielle Angriffsziele dokumentiert. Nur eins davon mit der höchsten Priorität 1+, und zwar die Deschimag-Werft (AG Weser). Detailliert hatten die Engländer analysiert, dass hier Kriegsschiffe in hohen Stückzahlen vom Stapel liefen. „Doch nicht nur wegen der Werft war die Hansestadt für die Engländer ein kriegswichtiges Ziel. Der Hafen bildete zusammen mit dem Straßen- und Schienennetz einen vitalen Verkehrs- und Logistikknotenpunkt. In Bremen waren wichtige Industrien angesiedelt.“

Objekte der Kategorie 1 waren die Raffinerie in Oslebshausen, das Kraftwerk Unterweser in Blumenthal, das Reparaturwerk der Reichsbahn in Sebaldsbrück, der Bremer Vulkan in Vegesack und das Borgward-Autowerk in Hastedt. Die Luftfahrtindustrie wurde lediglich der Kategorie  2 zugeordnet, obwohl Focke-Wulf am Flughafen, in Hemelingen und Hastedt sowie der Weser Flugzeugbau in Lemwerder in großen Stückzahlen Kampfflugzeuge für die Luftwaffe bauten.

Doch warum legten die alliierten Bomberflotten in Bremen und anderen Städten teilweise ganze Stadtteile in Schutt und Asche, die nicht kriegsrelevant waren und im „Bomber’s Baedeker“ keine Erwähnung fanden? „Das muss man differenziert betrachten, denn die von den Briten im Februar 1942 beschlossene ,Area Bombing Directive‘ war eine Taktik, die die systematische Zerstörung der Moral der deutschen Zivilbevölkerung als Kernziel definierte“, sagt Kurze. „Dabei handelt es sich um methodische Flächenbombardements, bei denen verschiedenartige Brand- und Sprengbomben so kombiniert abgeworfen wurden, um einen höchstmöglichen Grad der Vernichtung zu erzielen.“

Eine erste Ausgabe von „Bomber’s Baedeker“ erschien 1943. Ein Jahr später gab es eine differenziertere Ausgabe in zwei Bänden. Diese hat das Leibniz-Institut für europäische Geschichte Mainz online gestellt.


     bit.ly/bombersbaedeker 
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