BREMEN - Elfriede Bannas sucht nach von Nationalsozialisten beschlagnahmter Literatur. Sie soll an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgehen.

Von Manuela Ellmers

BREMEN - Henri und Martha Hinrichsen lebten als angesehene Bürger in Leipzig. Weil sie Juden waren, beschlagnahmten die Nationalsozialisten 1940 ihren Besitz. Lediglich einige persönliche Sachen durfte die Familie für eine geplante Auswanderung in die USA in Kisten verpacken. Doch die Flucht vor den Nazis gelang nicht mehr. Martha starb an Zucker. Henri und zwei Söhne wurden in Konzentrationslager gebracht. Dort kamen sie um. Die Reisekisten blieben in Bremen stehen. Ihren Inhalt ließen die Nazis zusammen mit anderem Auswanderer-Umzugsgut 1942 auf so genannten Juden-Auktionen versteigern.

Auf diesem Weg kamen auch etwa 1500 Bücher in die damalige Bibliothek der Hansestadt. Seit einigen Jahren versuchen die Verantwortlichen, die Literatur an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben. „Ich habe immer gewusst, dass die Packkisten meiner Großeltern nie angekommen sind. Aber dass es heute nach mehr als 50 Jahren jemanden gibt, der uns etwas von den vielen gestohlenen Sachen zurückgeben möchte, ist ganz erstaunlich“, antwortete Irene Lawford-Hinrichsen auf einen Brief der Bremerin Elfriede Bannas. Darin hatte ihr die pensionierte Oberschulrätin vor mehr als zehn Jahren ein Päckchen mit 33 Büchern angekündigt.

In dem Buch „Medizin in der klassischen Malerei“ war sie auf den Namen der Eigentümern, Martha Hinrichsen, gestoßen. Ein weiterer Hinweis fand sich in dem Buch des Autors Walter Hinrichsen „In 80 Tagen um die Erde“. Hinrichsen ist Irenes Onkel.

Mit detektivischem Spürsinn verfolgte Bannas die Spuren der Eigentümer und lud die heute in London lebende Lawford-Hinrichsen schließlich ein. „Das war mein schönster Erfolg“, erinnert sich die 81 Jahre alte Ruheständlerin, die seit 1991 im Auftrag der Bremer Staats- und Universitätsbibliothek Herkunft und Schicksal der während der NS-Zeit „sichergestellten“ Bestände aufklärt.

Für jedes „arisierte“ Buch legte Bannas eine Karteikarte an. Darauf notierte sie neben Daten oder Namen akribisch jedes persönliche Detail wie beispielsweise Randnotizen. „Mit Erfolg“, lobt Jürgen Babendreier von der Uni-Bibliothek. Als Ergebnis der Recherchen habe man in den vergangenen Jahren bereits 140 Bücher an 20 Familien zurückgegeben können.

Seit kurzem werde die Eigentümer-Suche auch von der Londoner „Commission for Looted Art in Europe“ (Komission für Beutekunst in Europa) unterstützt. So machte die Kommission anhand der Bremer Listen bereits die in Brasilien lebende Eva Hirschberg und Zara Zamir in Haifa als Bücher-Erben ausfindig. „Wir wollen auf diese Weise ein Stück historischer Verantwortung übernehmen“, so Babendreier.

Für Elfriede Bannas ist die Aufklärung, bei der ihr oft der Zufall geholfen hat, eine Frage der Gerechtigkeit. „Jedes Buch birgt eine Geschichte, ist mit einem Schicksal verknüpft“, sagt die 81-Jährige. „Die erlittenen Untaten dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“