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NWZonline.de Region Bremen

Puzzle aus Projektilen und Cremedosen

18.11.2019

Bremen Terrazzo-Glas, Drahtglas, engmaschiger Stacheldraht, Projektile und Pa­tronenhülsen, Bügelverschlüsse von Bierflaschen, Steingut-Fragmente und eine Nivea-Dose mit dem Design der 1950er Jahre – das Areal des „Schützenhofs“ an der Bromberger Straße in Gröpelingen entpuppte sich für Landesarchäologin Prof. Dr. Uta Halle und ihr studentisches Ausgrabungs- und Historikerteam schnell als wahre Fundgrube und „spannendes und interessantes“ Puzzle.

Die Vielzahl der Fundstücke dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Geländes, auf dem vor 75 Jahren das Außenlager „Schützenhof“ des Konzentrationslagers Neuengamme mit mehreren Baracken entstand. Rund 700 KZ-Häftlinge, unter anderem aus Belgien, Polen und Ungarn, mussten auf der Werft AG Weser schwer schuften und durchquerten auf dem Weg vom Lager zur Arbeit zweimal täglich den Stadtteil. Von 257 Menschen, die das Lager „Schützenhof“ letztlich nicht überlebten, sind die Namen bekannt.

Doch die Geschichte des Lagers, die laut Halle „NS-Verbrechen direkt in der Stadt“ dokumentiert, ist bis in die 2000er Jahre hinein weitgehend in Vergessenheit geraten. 2018 setzten eine archäologische Lehrgrabung und ein Geschichtsseminar an der Universität Bremen neue Impulse für die Erforschung des Ortes und förderten bislang unbekannte historische, archäologische und geophysikalische Erkenntnisse zutage. Unter Federführung von Halle und der Osteuropa-Historikerin Dr. Ulrike Huhn ist jetzt ein 144-seitiges Buch entstanden, das die vielschichtige Geschichte des „Schützenhofs“ nachzeichnet.

Zurück in die Geschichte: Die 1904 gegründete „Bremer Schützengilde“ errichtet 1907 an der Bromberger Straße 117 eine Schießanlage sowie eine Gaststätte mit Kegelbahn, Musikpavillon und zwei großen Festsälen. Der „Schützenhof“ floriert und wird zu einem beliebten Ausflugsort. Doch im Ersten Weltkrieg wird der „Schützenhof“ umgenutzt – das Wirtschaftsgebäude wird zur „Rekruten Ersatz Kaserne“.

Anfang der 1920er Jahre ändern sich die Besitzverhältnisse. Die AG Weser beantragt den Umbau des Wirtschaftsgebäudes, der Tanzsaal wird abgerissen, der üppige „Schützenhof“ schrumpft auf ein Zehntel der Grundfläche, Wohngebäude entstehen.

Die Nazis ergreifen die Macht. Mit dem Zweiten Weltkrieg beginnt die Lager-Zeit des „Schützenhofs“. Zunächst muss die Reederei „Hansa“ hier indische Seeleute unterbringen, die mit Kriegsausbruch zu Feinden geworden sind. Diese werden im Februar 1940 über die Niederlande nach Großbritannien abgeschoben. Der „Schützenhof“ wird dann unter anderem zum „Polenlager“ (1941) und zum Lager für „ausländische Arbeiter“. Am 8. Oktober 1943 bombardieren die Alliierten den Bremer Westen. Der „Schützenhof“ fällt in Schutt und Asche.

Ein Jahr später entsteht auf der Freifläche das Barackenlager für politische Häftlinge sowie polnische und ungarische Juden, die als Zwangsarbeiter auf der Werft AG Weser eingesetzt werden. Noch im Februar 1945 wird eine zweite Ausbauphase genehmigt. Zwei Monate später werden die noch lebenden Häftlinge auf ihren Todesmarsch geschickt. Nach dem Weltkrieg ziehen Arbeiter der Werft in die Baracken. Noch heute werden große Teile des Geländes genutzt, unter anderem von der „Bremer Schützengilde“.

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