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NWZonline.de Region Bremen

Sie sind die letzten Böttcher von Bremen

28.01.2020

Bremen Eiche für Rotwein, Esche für Korn, Akazie für Weißwein. Die meisten Fässer hier sind jedoch aus Eichenholz gemacht. Alfred Krogemann bleibt bei einem gebrauchten 50-Liter-Fass stehen. „Riechen Sie das?“, fragt der Seniorchef der Böttcher-Werkstatt gleichen Namens seinen Besucher und beugt sich über das Spund-Loch. Tatsächlich verströmt das leere Fässlein durch die Öffnung einen verführerischen Duft, mild und cremig. Der Besucher tippt auf Portwein. „Whiskey“, korrigiert Krogemann, „ganz klar.“

Zu Dutzenden stapeln sich alte Fässer auf dem Hof von Bremens letztem Böttcher: dunkel, angelaufen, gehalten von schwarz gewordenen, verzinkten Reifen. Drei Etagen hoch, Fass auf Fass, mit einem Fassungsvermögen von 20, 50 oder 225 Litern. „Das hier sind unsere größten“, sagt Krogemann und klopft auf einen bauchigen Koloss. „500 Liter!“

Krogemanns siebenköpfiges Team repariert alte Fässer, die er von Winzern und Destillen aus ganz Europa ankauft. Als instandgesetzte „Umarbeiter“ werden sie an Produzenten von Wein und Co. zurückverkauft. An einer anderen Stelle stehen hell leuchtende, frisch gefertigte Eichenfässer, die auf ihre Auslieferung warten.

Noch in den 60er Jahren nutzte das Bremer Spirituosen-Handelshaus Reidemeister & Ulrich die „Vinum“, ein Tankschiff für Millionen von Litern Wein, erzählt Krogemann. Der Wein wurde in Bremen per Schiff angeliefert und hier zum Weitertransport in Fässer gefüllt, auch in solche der Firma Krogemann. „Heute wird der Wein vor Ort in Flaschen gefüllt und dann transportiert“, sagt Krogemann. Fässer werden trotzdem noch gebraucht – zum Lagern und Reifen hochwertiger Tropfen. Viele kleinere und größere Whiskey- und Rumbrennereien sind in den vergangenen Jahren gegründet worden.

Krogemanns Fassfabrik ist eine echte „Bremensie“. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins Mittelalter, erzählt der Böttcher. Belegt ist sie allerdings erst ab Beginn des 20.  Jahrhunderts: 1902 übernahm der Lehrherr von Krogemanns Vater, Hinrich Hoppe, das Geschäft von dessen Vorgänger. 1949 wurde Alfred Krogemanns Vater Teilhaber. Zur „Fassfabrik Krogemann“ wurde sie zehn Jahre später. Ab 1972 leitete Sohn Alfred die Geschicke – bis zum Generationenwechsel im Januar 2019. Da übernahm Sohn Christoph (37) das kleine Familienunternehmen. Krogemann Senior ist inzwischen 77 – ganz zurückziehen mag er sich aber nicht. Offiziell gelernt hat er seinen Beruf nie, wie er sagt. „Ich bin ja schon als Kind mitgelaufen und habe von Anfang an alles mitbekommen.“ Heute ist Böttcher ein dreijähriger Lehrberuf.

Bei Krogemann werden die Fässer so hergestellt wie seit Jahrhunderten: Zuerst die Dauben, das sind die hölzernen Wangen, aus denen das Fass gefertigt wird. Ihren Zuschnitt erledigt eine der uralten Maschinen, die Krogemann in seiner Werkstatt hat. Schließlich müssen die Seiten der Dauben exakt gewinkelt und die Mitte breiter als die Enden sein. Nur so wird ein Fass draus. Die Maschinen sind so alt wie manche Fässer hier: 100 Jahre. Nun fügt der Böttcher die unteren Enden der 30 Dauben etwa eines 225-Liter-Fasses in einen ersten Fassreifen ein, so entsteht die „Rose“. Ihr Leben ist kurz.

Denn rasch verschwindet sie in einem Dampfbad. Diese Fass-Sauna ist in Krogemanns Werkstatt ein blecherner Schrank. Hitze und Feuchte machen die Hölzer weich und formbar. Ein Drahtseil zwingt dann die oberen Enden der Dauben Stück für Stück in die Fass-Form. „Das Ganze kocht so eine halbe Stunde“, sagt Krogemann. „Dann holen wir das Fass raus und legen auch um das obere Ende einen Reifen, und das Seil kann abgenommen werden.“

Im Jahr rollen 5000 gebrauchte Fässer über Krogemanns Hof. Nur die besten werden aufgearbeitet. Rund 1000 kleinere Fässer gehen an Schnapsbrennereien und Whiskey-Destillen – und größere an Privatleute, die ihr Regenwasser in den Fässern sammeln oder Blumen hineinpflanzen. Und 150 bis 300 neue 225-Liter Fässer schickt Krogemann an Winzer überall in Europa.

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