BREMEN - „Was für ein Land. . . Applaus für einen Insolvenzverwalter.“ Rechtsanwalt Edgar Grönda wirkte am Freitag berührt, aber auch verwundert. Der Applaus hatte ihm gegolten, und er kam von den Mitarbeitern der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Auf einer Mitarbeiterversammlung hatte Grönda den Beschäftigten praktisch die Rettung der Awo verkünden können. Alle Angebote, Einrichtungen und Arbeitsplätze bleiben erhalten.
Vor nicht einmal drei Monaten, Mitte Januar, hatte es noch ganz anders ausgesehen. „Die gesamte Awo schien zur Disposition zu stehen“, sagte Aufsichtsratschefin Eva-Maria Lemke-Schulte (SPD) am Freitag. Der Bremer Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt ging damals ins vorläufige Insolvenzverfahren. Es waren „vier bis fünf“ langfristige Mietverträge, die dem Wohlfahrtsverband große Schwierigkeiten machten. Die Altlasten blockieren den 2008 eingeleiteten Sanierungsprozess und reißen pro Jahr ein „sechsstelliges“ Loch von mindestens 500 000 Euro in die Awo-Kasse, hieß es im Januar. Verhandlungen mit den privaten Vermietern, zu denen zwei Fonds zählen, bezeichnete Awo-Vorstandschef Dr. Burkhard Schiller damals als aussichtslos.
Das Insolvenzeröffnungsverfahren wirkte offenbar verhandlungsfördernd. Die „Verständigung“ mit den Vermietern beschrieb Grönda, der gegenwärtig auch bei der Beluga-Reederei gefordert ist, am Freitag als „sehr konstruktiv“. Und: „Es gab kein Hauen und Stechen.“ Mit den größten Gläubigern – es handelt sich um Vermieter und Banken – sei eine „grundsätzliche Einigung“ erzielt worden, nun neue Verträge zu schließen. Der alte Awo-Kreisverband besteht in diesem Prozess nur noch als „Abwicklungshülle“. Denn parallel zu den Verhandlungen hatte Grönda die Arbeiterwohlfahrt neu strukturiert.
Der neu gegründete Verein „Awo Kreisverband Hansestadt Bremen“ fungiert fortan als Dach. Die neue 100-prozentige Tochter „Awo Bremen gemeinnützige GmbH“ übernimmt das laufende Geschäft – und auch sämtliche Arbeitsverhältnisse des alten Kreisverbands. Das betrifft 294 Mitarbeiter. Insgesamt hat die Awo in Bremen 1500 Beschäftigte und etwa 2000 Mitglieder. Von der Insolvenz waren allein die 294 Beschäftigten des alten Kreisverbands betroffen. „Operatives“ und „soziales“ Geschäft seien fortan klar getrennt, hieß es. Die neue Struktur sei „einfacher und transparenter“, sagte Vorstandschef Schiller am Freitag. Der Sanierungsprozess sei nun abgeschlossen.
Der Fall Awo zeige „exemplarisch“ Zweck und Möglichkeiten eines Insolvenzverfahrens, sagte Grönda – „die Prüfung und Begleitung der Fortführung eines Unternehmens“. Möglich geworden sei dies nicht zuletzt auch durch das Engagement der Mitarbeiter.
Es habe „keine Krankmeldungen und Wegbewerbungen“ gegeben, mithin also „keine betrieblichen Einbrüche“, sprich: es kam weiter Geld in die Kasse. „Wir haben Glück gehabt, wir können unsere Arbeit weitermachen“, erklärte Betriebsratschef Arno Ostfeld. Für die Zukunft fordert der Betriebsrat „einen Sitz im Aufsichtsrat und einen dauerhaft installierten Wirtschaftsausschuss“.
