BREMEN - „Jede Stunde dem Schicksal abgestohlen“ lautet der Buchtitel. Magdalene Krippner schrieb an ihre Schwester.
Von Thomas Kuzaj
BREMEN - „Bei uns und in der ganzen Stadt erlosch gleich zu Beginn der Kampftätigkeit das Licht, ohne dass wir eine Erschütterung spürten. So oft auch bisher der elektrische Strom aussetzte, er war stets nach einigen Stunden wieder dagewesen. Diesmal blieb er aus.“Geschrieben wurden diese Zeilen im Jahr 1945. 60 Jahre nach Kriegsende ist es der Bremer Edition Temmen gelungen, ein außerordentliches Zeitdokument zu heben und zugänglich zu machen. Es handelt sich um Briefe, die die Bremer Lehrerin Magdalene Krippner (1901 bis 1974) an ihre Schwester in der Oberlausitz schrieb. Texte, die direkt, unverfälscht und ohne den Abstand der Erinnerung vom Kriegsende erzählen.
Die Organisation des Alltags in einer Welt, die vollkommen aus den Fugen geraten ist. Schlangestehen, um Lebensmittel aufzutreiben. Dauernde Bedrohung durch Bomben und Tiefflieger. Stickige, enge Bunker, durchwachte Nächte. Tote auf den Straßen. Fragen: Leben unsere Verwandten noch? Werden wir selbst morgen noch leben? Magdalene Krippner, genannt „Molly“, beschreibt all dies für ihre Schwester – und wohl auch für sich selbst, um das Erlebte zu verarbeiten.
Ihr Stil ist sachlich, ihre Beschreibungen sind genau. Der Leser spürt keine Übertreibung, kein Pathos. Bisweilen wirken die Schilderungen beinahe lakonisch: „Wir haben Marlenes 22. Geburtstag dann sehr schön gefeiert, wenn auch mit langen Alarmen und viel Artilleriebeschuss.“ Magdalene Krippner lebte in der Lauenburger Straße in Walle, im stark zerstörten Bremer Westen also. Sie unterrichtete in Findorff, Anhängerin der Nationalsozialisten war sie nicht.
Eine Abschrift der Briefe fand Dr. Daniel Tilgner, der Herausgeber, bei der Auflösung der Bibliothek seiner Eltern. In sorgsamer Arbeit wurden die Briefe zum Buch. Tilgner recherchierte für ein erhellendes Nachwort. Weiteren Aufschluss geben Randbemerkungen. Sehr hilfreich ist zudem der Abdruck eines alten Bremen-Stadtplans.
• „Jede Stunde dem Schicksal abgestohlen – Das Brieftagebuch der Magdalene Krippner vom Kriegsende in Bremen 1945“, Edition Temmen.
