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NWZonline.de Region Bremen

Energiegeladen, offen und nahbar

15.11.2019

Bremen Wie wird es ihr wohl gehen? Der erste Gedanke nach einer kurzen Nacht wandert wieder zu Annett Louisan. Nach zweidreiviertel Stunden hat die Sängerin ihr Publikum in die Nacht entlassen, und die wird bei vielen wohl sehr kurz geworden sein, sei es wegen der längeren Heimreise oder wegen der beruflichen Verpflichtungen an diesem Morgen. Und der zweite Gedanke folgt sogleich: Wie schafft sie das nur?

Sie schafft es, mit Bravour. Zumindest an diesem Mittwochabend im nicht ausverkauften Metropol-Theater. Energiegeladen, offen, nahbar. Sie singt, springt und tanzt, winkt ins Publikum. Da hat ja wohl jemand Spaß an der Arbeit. So richtig.

„Sie ist ganz normal geblieben“, sagt ein Zuschauer beim Gang in die Pause. Normal, was immer das ist, zumindest augenscheinlich nicht abgehoben. Aber sie hebt sich von anderen Künstlern ab, wenn sie sich mehrmals von der Bühne ins Publikum wagt. Einmal stürzt sie fast, weil der Lichtkegel sie erfasst – aber nicht den Absatz im Boden. Kein Grund, sich abschrecken zu lassen: Ein ums andere Mal ist sie im Auditorium unterwegs, und dann erreicht das Scheinwerferlicht die, wie zu lesen ist, 1,52 Meter kleine Person nicht mehr.

Da helfen auch die glitzernden High Heels nicht. Müssen sie auch nicht, denn dieses Energiebündel lässt sich natürlich nicht auf seine Größe und die charakteristische, oft zarte Stimme reduzieren. In ihrem aktuellen Doppelalbum „Kleine große Liebe“ hat sich Annett Louisan im Song „Klein“ auf die bekannt wortwitzige Art dieses Themas angenommen, das für sie und das Publikum gar keines mehr ist. Aber für einen Lacher taugt: „Ich bin wenigstens nicht dünn“, lautet die letzte Textzeile.

Auch dieses Lied steht für die Divergenzen und Einzigartigkeiten des Lebens jedes Zuhörers und auch für die kleinen (und großen) Nöte und Sorgen, die sich bei den sonst so unterschiedlichen Menschen gleichen: die Irrtümer des Lebens („Die besten Wege sind aus Holz“), ohne die sich andere Türen nie aufgetan hätten, die Gedanken um die eigenen Kinder („Ein besserer Mensch“), Abschiede von Partnern, Menschen, Träumen („Two Shades of Torsten“).

An der Qualität der Texte hat sich seit ihrem ersten Hit „Das Spiel“ (2004) nichts geändert; frech, wortgewandt, mal ein wenig anzüglich, immer anziehend. Als Künstlerin und musikalisch hat sich Louisan aber weiterentwickelt. Weg vom Mädchen-Image, weg von der Lolita hin zur erwachsenen, impulsiven, verletzlichen und dennoch starken Frau. Das ist nicht erst seit ihrer aktuellen CD so, der ersten nach fünf Jahren Kind- und Schaffenspause, aber der Entwicklungsschritt der mittlerweile 42-Jährigen war nie so prägnant wie heute.

Das mag nicht jedem gefallen, wenn zum Beispiel in „Borderline“ die 80er-Elektropop-Rhythmen fröhliche Urständ feiern, aber das fällt kaum ins Gewicht. Louisan und ihre fünfköpfige Band bieten im Laufe des Abends unterschiedliche Stile, Rhythmen und Stimmungen an, dass für jeden etwas dabei gewesen sein sollte. Ganz stark, wenn die Künstlerin sich in „Zweites erstes Mal“ der Einzigartigkeit, der Unwiederbringlichkeit eines Moments erinnert und damit so etwas wie ein musikalisches Plädoyer für ein bewusstes Leben hält. Das tun andere auch, aber diese zarte Melancholie ist genauso einzigartig wie eben diese Momente.

In diesem Sinne hätte dies auch ein einzigartiger Abend im Bremer Metropol-Theater werden können – wenn nicht eine Zuhörerin mehrmals lauthals alte Songs gefordert hätte. Bei „Das Spiel“ kontert Louisan noch mit „das haben wir doch schon gespielt...“, „Prosecco“ (das ja „Das alles wär nie passiert“ heißt) hätte Louisan vermutlich sowieso performt. Dass die Sängerin mit der letzten Zugabe noch das unselige „Reality“ aus dem 80er-Jahre-Film „La Boum“ oben drauf setzt, ist der Sahneklecks – auf der Hose. Die besten Wege sind dann doch nicht immer aus Holz.

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