BREMEN - Der 27-Jährige hat vier Menschen niedergestochen. Die Polizei spricht von einer gerissenen „Vertrauenskette“
von ralf Sussek
BREMEN - Der Mann, der im Bremer Klinikum Ost vier Menschen mit Messerstichen verletzt hat, trug unbemerkt von verschiedenen Polizeibeamten ein zweites Messer mehr als 24 Stunden lang am Körper – dank einer ganzen Reihe von Versäumnissen. Der 27-jährige psychisch kranke Mann hatte am Donnerstag, wie berichtet, nach einem Therapiegespräch auf eine 59-jährige Ärztin eingestochen und sie schwer verletzt.Am nächsten Tag sollte der Mann aufgrund eines Beschlusses des Amtsgerichts in die forensische Abteilung des Krankenhauses eingewiesen werden. Dabei verletzte er drei Pfleger zum Teil schwer – mit dem Messer, das er von seiner Festnahme bis zur Rückkehr in die Klinik bei sich trug. Wie konnte das passieren?
Polizeipräsident Eckard Mordhorst nannte dies auf einer gestern Abend eiligst einberufenen Pressekonferenz eine „Vertrauenskette“. Einer habe sich auf den anderen verlassen.
Man kann dies jedoch auch Fehlerkette nennen: Nach Mordhorsts Angaben haben mindestens drei Beamten schludrig gehandelt oder gegen Dienstvorschriften verstoßen.
Als erstes der Beamte, der nach dem Angriff auf die Ärztin den Täter bei der Festnahme abtastete. Sogar Schuhe und Strümpfe musste der 27-Jährige ausziehen.
„Bedauerlicherweise“ wurde das Messer beim Abtasten nicht festgestellt, sagte Mordhorst. Der Mann hatte es mit Klebeband an der Innenseite der Wade befestigt. Möglicherweise wurde das Gefahrenpotenzial auch unterschätzt, weil man die (erste) Tatwaffe gesichert hatte. Danach wurde der Mann in der „Tatkleidung“ in den Polizeigewahrsam verbracht. Trotz anderslautender Dienstanweisung wurde er jedoch nicht durchsucht. „Jeder verlässt sich auf seinen Vorgänger“, so Mordhorst.
Und als dann noch die Hose des Mannes sichergestellt werden sollte, zeigte sich dieser kooperativ, zog die Hose im Beisein eines Beamten freiwillig aus und eine andere an – der Beamte sah nichts. Das ist der „menschliche Faktor“ (Mordhorst).
Erst die Pfleger des Krankenhauses durchbrachen die „Vertrauenskette“. Obwohl der 27-Jährige aus dem Polizeigewahrsam kam, bestanden sie auf einer Entkleidung.
Die Polizeiführung hat aus dem Vorfall „erste Konsequenzen“ gezogen: Gefangene müssen in Zukunft vor Ingewahrsamnahme körperlich ausnahmslos durchsucht werden – angeblich sollte dies bisher aber auch schon der Fall sein…
