BREMEN - „Eine regelrechte Epidemie droht“, sagt Dr. Stefan Herget-Rosenthal, Chefarzt der Medizinischen Klinik des Rot-Kreuz-Krankenhauses (RKK) und Nierenspezialist. In dem Haus in der Neustadt wurde vor 40 Jahren die erste Dialyse-Einrichtung in Bremen eröffnet.

1969 galt die künstliche Blutwäsche als Meilenstein für die moderne Medizin, als wichtige Innovation. „Wir konnten Nierenkranken das Leben retten“, erinnert sich Professor Dr. Jürgen Gayer, von 1967 bis 1991 Chefarzt der Medizinischen Klinik im RKK.

Doch die Dialyse war längst noch nicht so verträglich wie heute und dauerte mehr als doppelt so lange. Zehn bis zwölf Stunden wurden die Nierenkranken dialysiert – und das dreimal pro Woche.

Heute werden die Gerätschaften permanent modernisiert. Die Gefäßärzte haben zudem künstliche Blutgefäße („Shunts“) wie die Cimino-Fistel geschaffen, Verbindungen zwischen Arterien und Venen in den Armen, durch die mehr Blut fließen kann. Bei einer Dialyse werde pro Minute ein halber Liter Blut gewaschen, sagt Herget-Rosenthal.

Etwa 7000 Dialysen werden im RKK jährlich durchgeführt. Das ist wichtig für Bremen, schließlich kommen in der Hansestadt rund 1100 Dialysepatienten auf umgerechnet eine Million Einwohner. Der Bundesschnitt liegt bei 800 Nierenkranken.

Vier bis fünf Stunden verbringen die Nierenpatienten dreimal pro Woche bei der Blutwäsche. Das Leben muss darauf eingestellt werden. „Das erfordert viel Disziplin“, sagt Hella Borchelt aus Bremen, die seit fast 14 Jahren dialysiert. Gesunde Ernährung ist wichtig – kaliumarm und phosphatfrei. Und Nierenkranke dürfen nur wenig trinken – 600 Milliliter pro Tag.

Ihren Job als Einkäuferin in der Modebranche hat Hella Borchelt aufgegeben. „Irgendwann ging’s nicht mehr.“ Reisen beschränkt sie auf Wochenendtrips. Und die mehrstündigen Aufenthalte an den Dialysegeräten im RKK betrachtet die Bremerin „als eine Art Urlaub“. Eine Nierentransplantation hat Hella Borchelt stets abgelehnt.

Anders als Wilfried Johannes aus Moordeich. Der lebt seit 22 Jahren mit einer Spenderniere, die er nach nur anderthalb Jahren Blutwäsche erhielt. „Das war ein Glücksfall“, sagt er. In der Regel warten Patienten fünf bis sechs Jahre auf eine Spenderniere. Und ein transplantiertes Organ hält im Schnitt zehn bis zwölf Jahre. Dann geht’s womöglich wieder zur Dialyse. „Einmal nierenkrank, immer nierenkrank“, sagt Dr. Herget-Rosenthal.

Der RKK-Chefarzt fordert neue Ansätze zur Vorbeugung vor Nierenerkrankungen und will dafür eine Vernetzung mit Haus- und Fachärzten schaffen. Bis 2020 rechnen Experten bundesweit mit bis zu 100 000 Betroffenen. Hauptursachen sind Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht. Und das sind laut Herget-Rosenthal Folgen einer falschen Ernährung, der „Hamburger“-Kultur.