BREMEN - Die Frauen profitieren von den Erfahrungen der anderen. Sie treffen sich alle zwei Wochen.

Von Dieter Sell

BREMEN - Wenn Mathilda lacht, geht regelmäßig die Sonne auf. Dann ist wenigstens für einige Augenblicke der dramatische Unfall vergessen, der aus dem quirligen Irrwisch ein mehrfach behindertes Mädchen machte.

Doch es ist nicht nur dieses Lachen, aus dem ihre Mutter Inga Puhl-Hanebuth Kraft zieht, um den Alltag in der Familie zu meistern. Es ist vor allem die Bremer Selbsthilfegruppe der Mütter mit behinderten Kindern, die ihr über die Runden hilft.

Wenige Sekunden entschieden vor drei Jahren das Schicksal von Mathilda. In einem unbeobachteten Augenblick rutschte sie aus, stürzte in einen Fluss und galt als klinisch tot. Mathilda konnte wiederbelebt werden. Doch das Gehirn hat eine Zeit lang zu wenig Sauerstoff bekommen und ist seither schwer geschädigt. „Dazu kommt noch die Behinderung durch die Umwelt“, sagt Inga Puhl-Hanebuth. Egal, ob es um persönliche Assistenz oder um Pflegegeld für die heute sechsjährige Mathilda geht – fast alles muss erstritten werden.

Unterstützt wird sie von der Gruppe, die sich „behinderte Mütter“ nennt. Der Titel steht für die Situation der Betroffenen. „Durch die Behinderung eines Kindes werden auch alle anderen Familienmitglieder beeinträchtigt“, sagt Monika Kräuter, die die Gruppe vor zehn Jahren gegründet hat und seither leitet.

Die Sozialpädagogin ist selbst von Geburt an spastisch gelähmt. Doch sie hat sich nie entmutigen lassen und arbeitet beim Verein für Innere Mission unter anderem in der Schwangerschaftsberatung.

Alle Frauen, die sich zweiwöchentlich im „Haus der Diakonie“ (Blumenthalstraße 10, Kontakt: 0421/349 67-11) treffen, profitieren von ihren Erfahrungen. Nicht nur, wenn es um Tipps im Umgang mit den Behörden geht. Sie wolle den Müttern helfen, „den eigenen Schmerz zu verstehen, ihn zu verarbeiten, um sich am Ende mit der Beeinträchtigung des Kindes zu versöhnen“, betont Kräuter.

Das ist kein leichter Weg. „In der Reha-Zeit war für mich klar: Mathilda wird wieder ganz gesund“, erinnert sich Inga Puhl-Hanebuth. Erst in der Gruppe gelinge es ihr nach und nach, bei dem Gedanken anzukommen, dass sie ein beeinträchtigtes Kind habe. „Hier habe ich erkannt, dass ich mich selbst am eigenen Zopf aus dem Matsch ziehen muss.“

Auch Susanne Fischer, Mutter des fast zwölfjährigen Benjamin, hat das erfahren. „Die Gesellschaft trägt die Behinderung nicht mit, man trägt allein“, lautet ihre Bilanz. Sie ist fast von Anbeginn in der Gruppe und hat gelernt, sich nicht entmutigen zu lassen. „Ich rotiere von morgens bis abends und renne hinter den Ereignissen her“, beschreibt die Mutter von drei Kindern das ganz alltägliche Chaos. „Hier in der Gruppe kann ich auf einen Schlag alles fallen lassen. Diese zweieinhalb Stunden gehören mir.“