Bremen - „Da liegt ein Oberschenkelrest.“ Es klingt bisweilen etwas makaber, was da so zu hören ist auf der zur Weser hin liegenden Seite der Stephanikirche. Aber es stimmt ja auch, da liegen Knochen in der Grube, die die Archäologen ausgehoben haben. Allerdings nicht, um Knochen freizulegen. Sondern das verlorene Südschiff der Stephanikirche.

Die drittälteste Kirche der Stadt ist ein Wahrzeichen Bremens und dient heute als Kulturkirche. In der Nacht auf den 19. August 1944 erlebte Bremen den schwersten Luftangriff des Kriegs; der Bremer Westen lag anschließend – nach einem Feuersturm – in Trümmern. Auch das eng bebaute Stephaniviertel wurde zerstört. Die Stephanikirche war stark beschädigt.

„Das Nordschiff wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut“, sagt Pastorin Diemut Meyer, die Leiterin der Kulturkirche. Das Südschiff aber nicht. Jetzt haben die Archäologen die Fundamente erstmals wieder ans Tageslicht geholt. Die Grabung war möglich, weil der Stephanikirchhof zur Weser hin neu gestaltet werden soll. Sie war zugleich eine Prüfgrabung für eine Bachelorarbeit in Berlin, sagt Dr. Dieter Bischop, bei der Landesarchäologie zuständig für die Stadt.

Bischop beschreibt, dass die Grube – das „Sichtfenster“ – einen gewissermaßen zweifachen Einblick in die Geschichte von St. Stephani bietet. Die Ursprünge der Kirche reichen in die Zeit um das Jahr 1050 zurück. Der Dom auf der Düne und die Stephanikirche auf der Steffensberg genannten Erhebung – sie markierten den Rahmen der Altstadt, wobei das Stephaniviertel erst im 14. Jahrhundert in die bremische Stadtbefestigung einbezogen worden ist.

Das Südschiff von St. Stephani war eigentlich mittelalterlich, sagt Bischop. Vereinzelter ist damals verbauter Portasandstein (aus dem Weserbergland) in der Grube zu erkennen – das ist der eine Einblick. Backsteingotische Formziegel der Fenstergewände und Kreuzgratgewölbe sind als Überreste des mittelalterlichen Kirchenschiffs zu sehen. Das meiste aus jener Zeit aber ist verschwunden. Bischops Hoffnung, auf mittelalterlichen Kirchenboden zu stoßen, erfüllte sich nicht.

Das liegt an – und nun folgt der zweite zeitliche Einblick, den die Grube bietet – Baurat Conrad Wilhelm Hase aus Hannover. Der baute die seinerzeit ziemlich heruntergekommene Kirche in den Jahren 1888 bis 1890 gründlich um.

„Er hat offensichtlich sehr, sehr gründlich gearbeitet und alles aus Ziegeln neu gemacht“, sagt Bischop. Neogotik – mit ihren Rückgriffen auf den Stil der Backsteingotik – war angesagt; Baurat Hase galt als Spezialist dafür.

Die alten Findlingsfundamente der Kirche aus dem 14. Jahrhundert hat er entfernt. Bei Hases Arbeiten wurden mittelalterliche Gräber aufgebrochen – die Knochen warf man dann einfach wieder in die Baugrube hinein, was die makaber anmutenden Bemerkungen bei den archäologischen Arbeiten der Gegenwart erklärt.

Grabungen, bei denen sich auch noch ganz andere Dinge fanden. An die Bomben von 1944 erinnern zerschmolzenes Fensterglas und ganze Lagen von herabgestürztem Dachschiefer. Eine Seltersflasche vom Ende des 19. Jahrhunderts stammt vielleicht aus Hases Tagen. Und auch Murmeln tauchten aus der Vergangenheit auf. Bischop: „Früher haben Kinder auf dem Kirchhof gespielt.“