BREMEN - Frank Hanusa fährt seit 24 Jahren den leuchtend gelb lackierten Schienen-Schleifwagen der Bremer Straßenbahn. Im Wagen mit der EDV-Nummer 3985 hat er Schaltschränke, Hydraulik- und Enteisungsanlage, Wasserpumpe und Tanks für etwa 1000 Liter Wasser an Bord. Im kleinen Anhänger befindet sich die Technik zum Nassschleifen der Schienenköpfe mit Wasser und Rutschersteinen. An zwei Tagen schafft er es, mit seinem Schienen-Schleifwagen das komplette etwa 110 Kilometer lange Schienennetz von Unebenheiten zu säubern.
„Mit dieser vorbeugenden Pflege ermöglichen wir unseren Fahrgästen eine ruhige und fast geräuschlose Fahrt. So halten auch die Schienen länger“, erklärt der Leiter des Fachbereichs Instandhaltung der Bremer Straßenbahn AG (BSAG), Marc Strauß. Gleichzeitig wird im Winter mit einem zusätzlichen Drahtbügel der Fahrdraht enteist. Dieser Stromabnehmer streicht die Fahrleitung mit Glycerin ein. „Der dünne Film schützt den Draht bis zu drei Tage vor dem Einfrieren und bewahrt die Fahrgäste vor Betriebsstörungen“, erklärt er die Funktionsweise. Stolz verweist Strauß darauf, dass deshalb die Bremer Straßenbahn in den vergangenen beiden Wintern als einzige in Deutschland durchfahren konnte.
Straßenbahnen gehören seit mehr als 120 Jahren zum Alltagsbild in Bremen. In der Hansestadt wurde 1890 die erste elektrische Straßenbahn Europas erprobt. Mehr als ein Jahrhundert danach zählte die BSAG weltweit zu den ersten Testern einer durchgängigen Niederflurtechnik, die allen Menschen einen leichten Zugang zu ihrer Straßenbahn ermöglicht.
Und auch die erste Generation der Schienen-Schleifwagen fuhr in Bremen schon 1914. Werner Kaufmann, Mitglied des Vereins der Freunde der Bremer Straßenbahn, kann eine Original-Bekanntmachung der Betriebsleitung vom 18. Oktober 1914 zeigen, die die Details des Umbaus zweier Straßenbahnwagen zu einem Schienen-Schleifwagen dokumentiert. Das mühevolle Schleifen der Gleise per Hand konnte von diesem Zeitpunkt an entfallen.
Die erste Spezialbahn war bis 1932 in Betrieb, dann wurde durch einen Motorbrand die Schleifeinrichtung vollständig zerstört. Nach einer etwa einjährigen Ausleihe eines Gerätewagens bei der Bremer Hochbahn kehrten man zunächst zum Schleifen per Handbetrieb zurück. Von 1937 an lief dann der nächste Schleifwagen bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.
1946 folgte ein Schienen-Schleifwagen der Firma Schörling aus Hannover, dem auch ein Schneepflug vorgesetzt werden konnte. Der aktuelle Servicewagen existiert schon seit rund 45 Jahren, im Frühjahr 1997 wurde er in der Werkstatt der BSAG komplett umgebaut.
Mit einer Arbeitsgeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde zockelt der Wagen beinah täglich durch die Hansestadt – unschwer zu erkennen an seiner Aufschrift „Unser Schienen-Schleifwagen: damit alles gut läuft“.
