BREMEN - Die Jugendlichen haben zwei Monate geprobt. Sie standen gestern zum ersten Mal auf einer Bühne.
Von Sabine Komm
BREMEN - Die Jugendlichen „sitzen“ wegen Verbrechen wie Diebstahl, Körperverletzung und Totschlag. Ihr Blick endet an der Backsteinmauer mit dem NATO-Stacheldraht. Am Dienstagabend hocken viele von ihnen hinter ihren vergitterten Fenstern und sehen in den Innenhof. Der Grund: Ungewöhnliche Gäste.„Na, Ihr Süßen“, rufen sie den Theaterbesuchern zu. In der alten Kapelle des Bremer Gefängnisses zeigen vier Insassen die Inszenierung „Flucht(t)räume“. Der Verein Bremische Straffälligenbetreuung hat das Projekt angeschoben.
Zwei Monate lang hat ein freies Theaterteam mit den Insassen geprobt. Jetzt stehen die jungen Männer eine halbe Stunde lang auf der Bühne, in weißen Overalls. Sie sind aufgeregt. In kurzen Szenen mit und ohne Maske geben sie ihre Wunsch- und Alpträume preis.
Ein 18-Jähriger wäre gern Cowboy, um auf einem schwarzen Hengst in die Freiheit zu reiten. Im Traum eines anderen verwandelt sich ein gnadenloser Richter in einen Engel. Der Angeklagte bekommt eine letzte Chance.
„Die Jungs mussten über ihren Schatten springen, um vor so vielen Leuten zu spielen“, sagte Regisseur Andreas Kloos kurz vor der Premiere. Wie viele Insassen seien sie noch nie mit Theater in Berührung gekommen.
Anders als bei einem Stadttheater geht es Kloos hier deshalb nicht um das Ergebnis, sondern um den Weg dorthin. Die Insassen im Alter von 17 und 23 Jahren sollen lernen, ihre Gefühle auszudrücken und mit anderen zuverlässig zusammen zu arbeiten. „Es geht um Mut, soziales Miteinander und Verantwortung“, betonte auch Elke Bahl vom Verein Bremische Straffälligenbetreuung.
Für die Schauspieler hinter Gittern war der intensive Applaus nach der Premiere das entscheidende Erfolgserlebnis. „Es macht mich irgendwie stolz“, sagte ein 21 Jahre alter Häftling direkt nach der Aufführung. Draußen habe er harte Drogen genommen und sei gewalttätig gewesen. Jetzt wolle er sich aus diesem Umfeld lösen. „Im Knast wirst du nicht als Person wahrgenommen, sondern nur als Nummer“, kritisierte ein 23-Jähriger. Nicht nur die Wärter, auch die Insassen seien ein Problem: „Keiner redet über das, was er wirklich denkt und fühlt.“
