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Aktualisiert vor 6 Minuten.

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NWZonline.de Region Bremen

Zweifel an Glaubwürdigkeit der Zeugin

11.07.2019

Bremen Die Vorwürfe wogen schwer, doch objektive Beweise gab es bis zuletzt nicht: Mehr als eineinhalb Jahre lang soll ein 36-jähriger Mann eine Frau zur Prostitution gezwungen haben. Zudem beschuldigte sie den Angeklagten, sie vergewaltigt zu haben. „Komplett gelogen“, sagte die Anwältin des Mannes. Auch das Landgericht Bremen entschied am Mittwoch: Freispruch in allen Anklagepunkten.

Gerichte stehen häufig klassischen Aussage-gegen-Aussage-Situationen gegenüber. Keine Zeugen, keine DNA-Spuren, kein Überwachungsmaterial. Ein Kläger, ein Angeklagter. In diesen Fällen, so die Gesetzgebung, sei ein Gericht angehalten, „ganz besonders zu prüfen, wie eine Aussage entstanden ist“, sagte Vorsitzende Richterin Maike Wilkens. Und das habe man getan. Seit Anfang Juni verhandelte die 2. Strafkammer des Bremer Landgerichts, hörte das mutmaßliche Opfer, Freunde und Bekannte, Polizeibeamte und letztlich den Angeklagten selbst.

Mehrere Stunden lang schilderte die heute 32-Jährige detailliert, wie sie aus ihrem Heimatland Nigeria 2015 nach Deutschland kam – und hier zur Prostitution gezwungen wurde. Laut Anklage soll der ebenfalls aus Nigeria stammende Mann sie zwischen September 2015 und April 2017 Dutzende Male auf den Strich geschickt haben. Das Geld habe sie zum Großteil an ihn abgeben müssen, um Schleuserschulden von rund 50 000 Euro zu begleichen. Im April 2017 habe der Angeklagte sie zudem vergewaltigt – unter Schlägen und mit der Androhung sie umzubringen, sollte sie nicht tun, was er verlange.

Richterin Maike Wilkens sagte am Mittwoch, das Gericht habe durchaus den Eindruck gewonnen, „so kann es gewesen sein“. Sicher sei man sich aber nicht gewesen. Zumal die Frau selbst „zentrale Punkte bewusst ungenau beschrieben“ hatte, so Wilkens. Außerdem hatte der Mann nach eigener Aussage ein Alibi für die Tatnacht. Er befand sich in Madrid bei seinem Bruder, was Flugtickets beweisen würden.

Am 30. April kam es in der Wohnung der Frau, die der 36-Jährige für sie angemietet hatte, zum Streit zwischen ihr, ihrem Lebensgefährten und dem Angeklagten. Hintergrund war wohl folgender: Der Lebensgefährte der Frau hatte offenbar beschlossen, das Kind des Angeklagten bei den Behörden als seines auszugeben – mit dem Ziel, die Vaterschaft zu übernehmen und so langfristig in Deutschland bleiben zu können. Der Angeklagte weigerte sich laut Urteilsbegründung, auf diesen Deal einzugehen und schmiss die Frau aus der Wohnung. Die Abschiebung drohte – und exakt einen Tag später ging die Frau zur Polizei und zeigte den Angeklagten an.

Für das Gericht ein mögliches Motiv für eine Falschaussage, wobei dies nicht heiße, dass die Frau auch tatsächlich gelogen habe. Letztlich, sagte die Richterin Wilkens, kam für das Gericht dennoch nur eine „einzig richtige Entscheidung“ in Betracht: „Freispruch in allen Anklagepunkten“. Damit folgte die Kammer der Forderung des Staatsanwaltes, der ebenfalls Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin hatte. Die Verteidigung beantragte ebenfalls Freispruch. Anwältin Rita Pulliam nannte die Aussagen der Frau „komplett gelogen“ und beschuldigte die Zeugin, sich „alles ausgedacht“ zu haben. Für sie sei es ein Kampf gewesen – ein „Kampf um Aufenthalt“. Der 36-Jährige, der „nur helfen wollte“, zeigte sich emotional bei seinen Schlussworten vor der Urteilsbegründung: „Mir wird etwas zu Unrecht vorgeworfen. Das ist schlimm und macht mich traurig.“

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