BREMEN - Vor einer Woche erhängte sich in der Bremer Justizvollzugsanstalt (JVA) ein 39-jähriger Mann. In Zukunft soll dagegen besser Vorsorge getroffen werden. Ein großer Teil der Selbsttötungen in Gefängnissen lässt sich nämlich durch gezielte Maßnahmen verhindern. Diesen Schluss legen neue Untersuchungen des Kriminologischen Dienstes im niedersächsischen Justizvollzug nahe.
Ein Viertel der für ein Forschungsprojekt befragten Gefangenen habe angegeben, in den ersten zwei Wochen nach Inhaftierung an Suizid gedacht zu haben, sagt die Leiterin des Forschungsinstituts, Katharina Bennefeld-Kersten. Dass Häftlinge vor allem am Anfang besonders gefährdet sind, ist durch die Statistik belegt, die die Psychologin und ehemalige Anstaltsleiterin führt. Danach haben sich in den Jahren 2000 bis 2008 bundesweit 784 Inhaftierte das Leben genommen, 227 im ersten Monat, davon die Hälfte in den ersten drei Tagen.
Eine große Rolle spielt offenbar, ob sich Gefangene in Untersuchungshaft befinden. Mit 422 Personen starben über die Hälfte der Selbstmörder in U-Haft. Und das, obwohl diese Häftlingsgruppe kaum ein Fünftel aller Gefangenen ausmacht. Die hohe Quote sei nicht verwunderlich, sagt Bennefeld-Kersten, da sich Untersuchungshäftlinge in einer Krisensituation befänden, die sie umso schwerer bewältigen könnten, als sie kaum soziale Kontakte haben. Besuche und Telefonate müssten vom Haftrichter erlaubt werden, der auch die Post liest.
Auch Mithäftlinge und Bedienstete seien zu diesem Zeitpunkt keine Hilfe. „Sie wissen nicht, wem sie vertrauen können“, sagt Bennefeld-Kersten. Deshalb setzt sich die Wissenschaftlerin für die Einrichtung einer Telefonseelsorge ein. Wichtig sei ein Gesprächspartner vor allem nachts: Über die Hälfte der Einzelinhaftierten brachte sich nachts um.
Dies trifft auch auf den 39-Jährigen zu, der vor einer Woche tot in der JVA Bremen aufgefunden worden war. Nach den bisherigen Kenntnissen hatte er sich kurz nach Mitternacht erhängt. Er war erst am Sonntag zuvor in Untersuchungshaft gekommen, unter dem dringenden Verdacht, seine Freundin erschossen zu haben – ebenfalls ein typisches Merkmal. Laut Statistik machen Gewalttäter die Hälfte der Selbstmörder aus.
Die Leiterin der Bremer Anstalt, Silke Hoppe, verteidigte die Verlegung des Mannes in eine normale Zelle. Ein fast leerer und kameraüberwachter Raum sei „nur das Mittel der letzten Wahl“. Eine Telefonseelsorge, wie sie Bennefeld-Kersten vorschlägt, hält sie für einen guten Vorschlag. Nicht sinnvoll findet sie, die Fenstergitter zu entfernen – das jüngste Bremer Opfer hatte daran nämlich sein Bettzeug befestigt. „Das würde bedeuten, dass man die Fenster nicht mehr öffnen könnte, aber das muss in Haft möglich sein.“
