BREMEN -

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen seien so schlecht wie noch nie, so Joffe. Eine Verschiebung der Machtverhältnisse sei der Grund. Von Thomas Kuzaj

BREMEN - „Die deutsch-amerikanischen Beziehungen waren noch nie so schlecht wie heute.“ Das sagte Josef Joffe, Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“, in der sehr gut besuchten Oberen Rathaushalle. Joffe hielt den Vortrag bei der diesjährigen „Carl-Schurz-Lecture“ der traditionsreichen Bremer Carl-Schurz-Gesellschaft.

„Eine neue Chance: Bush II und die Europäer“ – das war der Titel. Der Journalist Dr. Josef Joffe: „In meinem Gewerbe – ich bin Teil der schwatzenden Klasse – erklärt man so etwas gern mit Personen.“ Also etwa damit, dass Präsident Bush und Kanzler Schröder nicht so gut miteinander können. Joffe: „Ich glaube, solche Zuschreibungen treffen nicht den Kern der Sache.“ Der sei unabhängig von Personen.

Und weiter: „Ich glaube, dass der Kern ein fundamentaler Wandel in der Weltpolitik ist.“ Joffe verwies auf den 25. Dezember des Jahres 1991. An diesem Tag flatterte zum letzten Mal die Hammer- und Sichel-Flagge über dem Kreml. Die Sowjetunion schaffte sich selbst ab. Eine Supermacht verschwand von der Weltkarte. Russland sei zwar groß – aber eben keine Supermacht. Seither, so Joffe, gibt es „kein ebenbürtiges Gleichgewicht“ mehr.

Ein historischer Umschwung, eine der „großen Zäsuren“ in der „Geschichte der Staatenwelt“: Die Konsequenzen seien „gewaltig“. Joffe: „Wir durchleben sie gerade.“ Mit dem Ende des Kalten Krieges habe Westeuropa für die Amerikaner den „strategischen Wert“ verloren. Auch das wiedervereinigte Deutschland schüttelte die „strategische Abhängigkeit“ ab, die Westdeutschland 50 Jahre lang mit den USA verbunden hatte.

Eine „tektonische Verschiebung der Machtverhältnisse“ sei also der Kern des Problems. Vor diesem Hintergrund sei der Übergang Deutschlands und Frankreichs von einer Bündnis- zu einer Gleichgewichtspolitik zu sehen. Der Problemkern werde, so Joffe weiter, bestehen bleiben, „solange Europa und Amerika keine gemeinsame strategische Bedrohung“ verspüren.