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NWZonline.de Region Bremen

Der Mann mit der Ritterrüstung

26.10.2012

Bremen /Oldenburg Als er aufwachte, hatte er keine Ahnung, wo er war. Er saß in seinem Auto, der Tank war leer; durch die beschlagene Fensterscheibe erkannte er die Autobahnraststätte Wildeshausen. Sein Schädel brummte, er schmeckte noch den Schnaps auf der Zunge.

In zehn Minuten würde das Training in Bremen beginnen.

„Gott vergibt – Uli nie“

Uli Borowka, die Axt. Der Eisenfuß. Der Mann, der dahingeht, wo es weh tut. „Wenn du über die Mittellinie kommst, dann mache ich dich kaputt“, raunzte er seine Gegenspieler im Kabinengang an. Er meinte es ernst: Rummenigge, Matthäus, Maradona, er hat sie alle zurück in die eigene Hälfte gegrätscht. Die halbjährliche Wahl zum „Unbeliebtesten Spieler der Bundesliga“ im Sportmagazin „Kicker“ gewann er regelmäßig.

„Ich habe dieses Image geliebt“, sagt Uli Borowka mit einer Stimme, die viel schreien musste im Leben. Die Pfiffe der gegnerischen Fans. Die Bierbecherwürfe. Die T-Shirts: „Gott vergibt – Uli nie.“ Sogar die blauen Flecken an den Schienbeinen liebte er und die Schrammen auf den Oberschenkeln, die beim Duschen immer so brannten.

Jetzt ist er wieder dahingegangen, wo es weh tut: Er sitzt in Bremen an der Obernstraße in einer Buchhandlung, in einer Stunde soll er hier Autogramme geben. Er hat sich schick gemacht, er trägt das hellblaue Hemd, den Bart hat er akkurat gestutzt. Aber es nützt nichts, „ich bin nervös wie vor meinem ersten Bundesligaspiel“. In dieser Stadt war er einst ganz oben: Deutscher Meister. DFB-Pokalsieger. Europapokalsieger. Nationalspieler. Und in dieser Stadt stürzte er ab nach ganz unten:  Betrunken die eigene Frau verprügelt. Besoffen den Porsche gegen einen Baum gefahren. Verkatert das Training verpasst. Fristlos aus dem Verein geflogen.

Bis heute, sagt Uli Borowka, sprechen die Werder-Verantwortlichen nicht mit ihm. Am Abend will er ins Stadion, Werder gegen Gladbach, seine beiden Vereine. An Karten kommt er nur über Gladbach.

Ulrich Borowka, geboren 1962, wuchs im Sauerland auf, seinen Eltern gehörte eine Gaststätte. Der Junge spielte Fußball, „ohne besondere Begabung“, wie er sagt: Jeder Übersteiger-Versuch endete fatal. „Meine Talente beschränkten sich darauf, härter, ehrgeiziger und ausdauernder als meine Gegner zu sein.“ Der Trainer von Borussia Mönchengladbach, sein Name war Jupp Heynckes, lud ihn 1980 trotzdem zum Probetraining ein. „Nicht schlecht, Uli, nicht schlecht“, sagte Heynckes, „aber du musst noch einmal kommen, ich will mehr von dir sehen.“

Borowka bekam seinen ersten Profivertrag, 2500 DM brutto im Monat, fünfmal so viel wie als Maschinenschlosser-Lehrling. 149-mal spielte er für Gladbach, dann kam der Abschied. Jetzt grätschte er für Werder Bremen und bekam 17 000 Euro im Monat plus Leistungsprämie.

Und wieder gewann er die Wahl zum „Unbeliebtesten Spieler“. Jürgen Klinsmann kam mit dem VfB Stuttgart nach Bremen, stand neben Borowka im Kabinengang. „Klinsmann, hast du mich gewählt?“, fragte Borowka. „Quatsch, Uli, ich doch nicht.“ „Und wo kommen dann die ganzen Stimmen her? Verarschen kann ich mich alleine, heute gibt es doppelt auf die Stöcker!“

„Ich trug eine Ritterrüstung“, sagt Uli Borowka 15 Jahre später in der Buchhandlung. Nichts kam da durch, „nichts interessierte mich: kein Mensch, kein Gefühl.“ Die Rüstung ließ er auch zu Hause an, so konnte er die Probleme mit seiner Frau Carmen, diesen ganzen Familienstress auf Abstand halten. „Ich war doch der härteste Spieler der Bundesliga“, sagt er, „da konnte ich doch nicht über meine Gefühle reden!“

Es gab ein Ventil für ihn: Er machte sich ein Bier auf, ein zweites, ein drittes. Wenn er trank, hatte er ein paar Stunden Ruhe, vor den Menschen, vor sich selbst.

Wann ist ein Mensch ein Alkoholiker? Wenn er orientierungslos an einer Autobahnraststätte steht? Wenn er zum Frühstück die Fuselreste des Vorabends zusammengießt, „um dieses furchtbare Gesöff dann in schnellen Zügen zu leeren“? Wenn er morgens aufwacht im eigenen Erbrochenen, „die Matratze umstellt von mehreren Paletten Dosenbier“?

Uli Borowka, ein trainierter Treter und Trinker, verlor 1998 die letzte Kontrolle: „Innerhalb weniger Wochen brach alles in mir zusammen, der letzte Rest von Stolz wurde in einem Meer von Bier, Schnaps und Kotze aufgeweicht.“

Lesung in Oldenburg

Das Buch „Volle Pulle“ von Uli Borowka und Alex Raack ist im Edel-Verlag erschienen (302 Seiten). Es kostet 19,95 Euro.

Am Montag, 5. November, stellen Borowka und Raack das Buch in der Oldenburger Kulturetage (Bahnhofstraße) vor, Beginn ist um 20 Uhr. Karten für die Veranstaltung gibt es in der Oldenburger Buchhandlung Isensee (Telefon   0441/36 14 24 10).

2000 ging er nach Bad Fredeburg in die Therapie, Team 3, Gruppe 2. Hier war er nun „Uli, 32, Alkoholiker“.

Danach ging er dahin, wo es weh tat. Uli Borowka, 38 Jahre alt, stellte sich nach dem Alkoholentzug an die Theke – er ging zurück in die elterliche Kneipe. Er wusste: „Wenn ich es hier ohne Alkohol überstand, würde ich es überall schaffen.“ Er schaffte es.

Er kontrolliert nun jeden Einkauf aus dem Supermarkt nach Alkohol. „Das ist gar nicht so einfach“, sagt er: „Gummibärchen, Tomatensuppe, Cocktailsoße – überall ist Alkohol drin!“

In der Bremer Buchhandlung hängen Sprüche an der Wand, einer lautet: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

Die bittere Wahrheit

Uli Borowka, genannt die Axt, hat ein Buch geschrieben, es heißt: „Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker.“ Er hat es nicht allein geschrieben, der Journalist Alex Raack hat die Gedanken Borowkas nach langen Gesprächen wunderbar in Worte umgewandelt. „Es ist eine Abrechnung mit mir selbst“, sagt Borowka, „es ist die Wahrheit.“

Sein Buch wurde die Axt für das gefrorene Meer in vielen Menschen: Bei den ersten Lesungen merkte er, dass Zuhörer weinten, „das Thema Alkohol ist überall“, stellte er fest. Sogar Fußballprofis riefen ihn an, Säufer wie er. Borowka will jetzt mit seiner neuen Ehefrau Claudia einen Verein gründen, der alkoholsüchtigen Spielern schnell und anonym hilft. Er bat den Deutschen Fußballbund um Unterstützung, der DFB hat ja das Motto „Keine Macht den Drogen“. „Aber die reden nicht mit mir“, sagt Uli Borowka; als Alkoholiker, will eben niemand etwas mit dir zu tun haben.

Die Autogrammstunde beginnt, „mal sehen, ob jemand kommt“, sagt Uli Borowka nervös, er geht ins Untergeschoss zum Signiertisch.

Und da stehen sie schon, die Schlange reicht die Rolltreppe hoch. Sie tragen Trikots aus den Meistersaisons, auf vielen steht „Borowka“. Werder Bremen mag Uli, die Axt, vergessen wollen, der DFB mag ihn vergessen wollen – die Fans vergessen ihn nie.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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